ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:18 Uhr

Im Eisenschlamm steckte die zündende Idee

Freuen sich über die Kulturscheune: Maler Dietrich Lusici (l.), Inhaberin Katrin Küster sowie Matthias Nevoigt, Vorsitzender des Kunstvereins.
Freuen sich über die Kulturscheune: Maler Dietrich Lusici (l.), Inhaberin Katrin Küster sowie Matthias Nevoigt, Vorsitzender des Kunstvereins. FOTO: Peter Becker/peb1
Raddusch. Es gibt sie überall in unserer Region, die Kultur-Macher, die mit ihrem Engagement dafür sorgen, das Leben lebenswerter zu machen. So auch in Raddusch bei Vetschau, das sich vorgenommen hat, ein Kunstdorf zu werden. Renate Marschall

Die Idee kam vom äußerst rührigen Tourismusverband des Ortes, der das Ziel ausgegeben hatte, staatlich anerkannter Erholungsort zu werden. Touristen gibt es schließlich hier genug, aber man muss ihnen außer Ruhe und Natur auch etwas bieten und möglichst auch ein bisschen anders als die anderen. Die Idee: ein Dorf der Kunst. Im März 2015 wurde dann der Förderverein Kunstdorf Raddusch gegründet und mit Matthias Nevoigt ein engagierter Vorsitzender gefunden. "Ich musste nicht lange überzeugt werden," sagt der ehemalige Direktor des Paul-Fahlisch-Gymnasiums Lübbenau. "Ich bringe mich gerne ein, arbeite auch im Kreistag mit und leite einen Albert-Schweitzer-Freundeskreis." Zwar habe er bisher nicht viel mit Kunst zu tun gehabt, aber organisieren könne er, so Nevoigt. Für einen Verein, der nicht gerade üppig mit Finanzen ausgestattet ist, eine geldwerte Eigenschaft. "Die Arbeit macht mir Spaß", so Nevoigt, "ich habe inzwischen manches über Kunst erfahren und viele interessante Menschen kennengelernt."

Um die Kunst kümmern sich im Verein die, die das am besten können - Künstler. Der Maler Siegfried Engelmann aus Vetschau etwa ist künstlerischer Leiter. Aber auch einer aus Berlin, der in Argentinien geborene Mario Asef, bringt sich, inzwischen als Vereinsmitglied ein. "Ihm verdanken wir die Initialzündung für unsere Arbeit", erinnert sich Matthias Nevoigt.

Asef hatte sich bei der Aquamediale im Sommer 2015 mit seinem Kunstwerk an den braunen Eisenschlamm gewagt, der fast überall in der Lausitz die Gewässer belastet, wesentlich mit der Vernutzung von Landschaft durch den Kohleabbau zu tun hat. Ziegelsteine hat er aus der braunen Pampe geformt. Irgendwie muss das Zeug doch zu gebrauchen sein, mit dem keiner weiß wohin.

Der Fotograf Peter Becker dokumentierte die Arbeit, kam dabei mit Mario Asef ins Gespräch: "Da musst du mal zu uns nach Raddusch kommen, dort liegen Berge von dem Schlamm." Asef kam, sah und machte den Vorschlag, eine Pyramide daraus zu formen. Eine Ockerpyramide als "Landmarke der katastrophalen Beziehung zwischen Mensch und Landschaft", wie er sagt.

Aber ein Kunstwerk macht ja noch kein Kunstdorf. Deshalb sollen an der Einfahrtstraße ins Dorf Plastiken ihren Platz finden.

Kunst in der Landschaft gut und schön, sagten sich die Vereinsmitglieder, aber wir brauchten auch einen Ausstellungsraum. Eine leer stehende Scheune vielleicht? "Wir sind nach und nach alle durchgegangen, doch irgendwie stimmte immer etwas nicht. Dann fiel mir meine eigene ein", denkt Katrin Küster an jenen Abend zurück. "Meine Scheune könnt ihr haben, macht was ihr wollt damit", sagte sie in die Runde. So ganz blieb es dann doch nicht die Sache der anderen, sie war immer einbezogen. Vorteil außerdem: Katrin Küster betreibt das Café Alte Backstube, in dem es neben Brot und Brötchen immer selbst gebackenen Kuchen gibt, aber auch hübsche Souvenirs. Sie kann immer mal in der Scheune nach dem Rechten sehen.

Viele Stunden Freizeit sind in die Kunstscheune geflossen, die am 1. Juli unter großer Anteilnahme der Einwohner und vieler auswärtiger Gäste eröffnet wurde. Malerei, Grafik, Plastik und Keramiken, alles käuflich zu erwerben, sind zu sehen, sehr verschieden in den Handschriften wie der künstlerischen Vollendung. Die Lübbenauerin Malgorzata Suwalski etwa hat aus Fundholz einen "Zauberbaum" gestaltet. Die Aquamediale-Künstlerin Anja Bogott, in Cottbus geboren und inzwischen in Koblenz lebend, steuert bemalte Seidenfahnen bei, während sich Siegfried Engelmanns kraftvolle Farbigkeit, etwa in seiner Ölmalerei "Rotes Gebüsch" zeigt. Ausdrucksstark und fein gearbeitet sind die Kalligrafien und Porträts von Kathrin Meißner. Und auch der Ockerschlamm findet hier in die Kunst. Der Maler Dietrich Lusici, auch Vereinsmitglied, hat so lange experimentiert, bis es ihm gelang, Pigmente aus dem Schlamm zu ziehen. Eine Leinwand in Ockertönen ist "Spreewüste" überschrieben, auf einem anderen Bild mischen sich spärlich grün und rot in den Grundton: "Es blüht noch". Dietrich Lusici ist beeindruckt von der Begeisterungsfähigkeit der Leute hier im Dorf. Das macht ihm Mut für eine Vision: "Ähnlich wie es ein Dorf mit Picasso-Gemälden an den Hauswänden gibt, könnte ich mir das auch in Raddusch vorstellen," sagt er. Zukunftsmusik. Jetzt steht erst mal das Brandenburgische Dorf- und Erntefest am 9. und 10. September ins Haus, bei dem sich Raddusch schon ein bisschen als Kunstdorf präsentiert.