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„Im Chaos steckt die Kreativität“

Am 10. Mai in der Stadthalle Cottbus: der Pianist Joja Wendt. Foto: pr
Am 10. Mai in der Stadthalle Cottbus: der Pianist Joja Wendt. Foto: pr FOTO: pr
Cottbus. Am 10. Mai ist Johan (alias Joja) Wendt nach fast genau einem Jahr wieder zu Gast in der Cottbuser Stadthalle. Die RUNDSCHAU sprach mit dem weltbekannten 46-jährigen Jazzpianisten aus Hamburg.

Joja Wendt, Sie sind fast Stammgast in der Lausitz. Dabei sind Sie selbst in New York und am Nordpol gefragt. Was zieht Sie wieder hierher?

Cottbus war für mich eine ganz besondere Station im letzten Jahr. Wir hatten ja nicht nur ein Konzert gegeben in der Stadthalle, sondern waren auch im Konservatorium. Das hat sehr viel Spaß gemacht mit den jungen Leuten am Klavier.

Diesmal steht der Abend im Zeichen der Lyra. Haben Sie Ihren Hunger am Klavier schon gestillt und lassen den Steinway zu Hause?

Auf keinen Fall. Denn die Lyra ist eng mit dem Klavier verbunden, hat dem Pedalsystem eines Konzertflügels den Namen gegeben. Sie ist die Urahnin aller Saiteninstrumente. Götterbote Hermes soll sie erfunden haben, um seinen Botschaften emotionale Tiefe zu verleihen.

Aber nach der griechischen Mythologie hat er sie an Apollo weitergegeben.

Und der schenkte sie Orpheus. Jener versuchte bekanntlich, Eurydike aus der Unterwelt zu befreien, vermasselte es, weil er sich zu früh umschaute. Und so kam ihm auch die Lyra abhanden und gelangte an den Sternenhimmel. Die frühen Philosophen haben gesagt: Das Sternbild der Lyra ist ein Zeichen für all das Schöne, was der Mensch an Kultur, an Musik, an Poesie und an Lyrik hervorgebracht hat. Deshalb habe ich auch mein Programm "Im Zeichen der Lyra" genannt. Gespielt aber wird darauf nicht.

Dennoch klingt das, als wäre Himmlisches zu erwarten?

Es wird unterhaltsam werden für jedermann. Auf der Bühne entspinnt sich eine richtige Geschichte. Da geht es um einen Turm, der die Familie der Instrumente symbolisiert. Beherrscht wird er von der Königin der Instrumente. Die Orgel regiert die Familie der Instrumente mit einem starken Schubladendenken. Keiner darf ausbrechen. Alles muss genau nach Noten gespielt werden. Improvisation wird nicht zugelassen. Das Klavier aber widersetzt sich und bricht aus der Familie der Instrumente aus.

Joja Wendt ist ja auch bekannt dafür, dass er sich gern einer starren Ordnung widersetzt.

Ja, eben. Ich bin ja auch ein Klavierspieler. Im Laufe der Geschichte solidarisieren sich immer mehr Instrumente mit dem Klavier. Und es wird der Versuch unternommen, den Turm zum Einsturz zu bringen.

Wird der unumstößliche Turm gefällt?

Das ist noch ein Geheimnis.

Wen wollen Sie in Ihre Umsturzpläne einweihen?

Vor allem Familien. Schon Kinder werden viel Freude an dieser Geschichte und Spaß an der Musik haben. Weil auch etwas zu den Stücken erzählt wird. Das habe ich mir als Kind immer gewünscht. Die Sprache der Musik soll umgänglicher und leichter zugänglich gemacht werden. Ein Konzert muss keine trockene Angelegenheit, sondern kann auch spannend und lustig sein.

Im Bunde sind Sie dabei mit einem Multiinstrumentalisten.

Florentin wird die erste Geige spielen, dem Klavier ein ebenbürtiges Instrument der Musikgeschichte. Aber dieser Geiger wird auch Schlagzeug und all die anderen Instrumente repräsentieren.

Sie überspringen respektlos Stile und Epochen, mischen ernste Musik mit heiterer Muse. Gibt es manchmal Gegenwind?

Ich habe großen Respekt vor großer Musik und großen Kompositionen. Erstaunlicherweise habe ich wenig Schwierigkeiten mit anderen Kollegen, weil ich genau das immer wieder deutlich mache, dass ich es eben nicht respektlos meine. Ich versuche nur, meine eigene Note zu finden. In klassische Musik darf ja auch Jazzmusik einfließen, wenn es niveauvoll gemacht ist. Mein Weg ist nicht puristisches Sparten- oder Scheuklappendenken. Ich weite den Blick zu anderen Musikrichtungen, mit ihren Inhalten, ihrer Tiefe und Aktualität. Es standen immer Leute an der Weggabelung der Musikgeschichte, die verschiedene Richtungen zusammengefasst und eben den Weg des Purismus verlassen haben und so Veränderung, Entwicklung ermöglichten. Ich meine damit nicht pathetisch, dass ich gerade an der Weggabelung stehe, ich versuche nur, den Blick zu schärfen, dass man sich auch in der Musik öffnen sollte.

Sind Sie also für die Globalisierung der Musik?

Ich bin für die Globalisierung der Musik, der Gedanken, der Strömungen, der Kreativität. Das ist die große Chance, die unser Land hat. Deutschland ist gebildet und doch chaotisch. Im Chaos steckt die Kreativität.

Dabei gelten die Deutschen in der Welt eher als geordnet.

Klar muss man die Dinge ordnen, aber sie sich nicht von außen diktieren lassen. Alles, was diktiert wird, beschneidet die Kreativität. Ich wünsche mir, dass sich dabei die Menschen noch viel mehr austauschen. Nichts anderes machen doch Facebook und die anderen Netzwerke: Es geht um Vernetzung auf der menschlichen Ebene, um Gemeinsamkeiten und Gegensätze zu entdecken. Das sollte früh beginnen.

Sind Sie mit Hausmusik aufgewachsen?

Zu Feiertagen gab es die schon. Wir waren acht Kinder zu Hause und jedes hat irgendein Instrument gespielt. Später habe ich dann Musik studiert in Amerika und in Holland. Heute versucht sich schon mein achtjähriger Sohn Julius an der Gitarre. Und meine zehnjährige Tochter spielt Klavier.

Wann haben Sie sich selbst zum ersten Mal ans Klavier gesetzt?

Mit vier Jahren habe ich meiner älteren Schwester nachgeeifert, die schon Klavier spielte und die ich auch so unendlich bewunderte. Ich habe das Klavier zuerst lautmalerisch entdeckt. So nach dem Motto: "Das klingt ja wie eine Herde wilder Pferde." Ich habe auch später das Klavier genutzt, um Geschichten zu erfinden, sie bildhaft zu machen. Die letzte Konsequenz war eine Filmmusik.

Für die Komödie "Sieben Zwerge - Männer allein im Wald". Sie hat viele zum Lachen gebracht. Wie war die Zusammenarbeit mit Otto Waalkes?

Sie hat viel Spaß gemacht. Otto ist ja sehr gebildet, hat nicht nur Humor, sondern auch Format und ist selbst ein sehr musikalischer Mann.

Es heißt, Joja Wendt ist süchtig nach dem Klavier. Was gibt es Wichtigeres?

Es stimmt, manchmal überkommt mich regelrecht ein Hunger nach Tasten. Aber es gibt Wichtigeres: meine Familie zum Beispiel. Das Klavier bleibt für mich die schönste Nebensache der Welt.

Mit Joja Wendt sprach

Ida Kretzschmar