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| 08:40 Uhr

Im Bann zerstörerischer Liebe

Maïwenn zeichnet in dem intensiven Liebesdrama "Mein Ein, mein Alles" die Geschichte einer emotionalen Abhängigkeit. Lea Hensen

Maïwenn zeichnet in dem intensiven Liebesdrama "Mein Ein, mein Alles" die Geschichte einer emotionalen Abhängigkeit.

Georgio (Vincent Cassel) hat ihn, diesen Charme, der Frauen entwaffnet. Man glaubt diesen Mann zu kennen, aus Filmen und Büchern, ein bisschen Romeo, ein bisschen mehr noch Peter Pan. Tony (Emmanuelle Bercot) ist klein, blond und eine ganz "normale" Frau. Die Anwältin ist von der Liebe enttäuscht, als dieser Mann mit dem Wuschelkopf und diesem Blick, der leicht verrückt wirkt, fragt, ob sie sich wiedersehen: "Soll ich dir meine Handynummer geben?" Tony sagt zaghaft ja, er wirft ihr sein Mobiltelefon zu. Die Pointe funktioniert nur auf Französisch - die Szene spielt im Morgengrauen vor einem Club in Paris -, wo Handy und Handynummer das gleiche Wort sind.

Es sind diese Übersprunghandlungen, das spontan Verrückte, das den vierten Spielfilm von Regisseurin Maïwenn bestimmt. "Mein Ein, mein Alles" aus dem Jahr 2015 (französischer Titel: "Mon Roi", Mein König) ist eine selbstzerstörerische Liebesgeschichte voller Spontaneität und emotionaler Intensität. Denn Tony lässt sich von Georgio sofort mitreißen: eine durchfeierte Nacht, der erste Kuss, betörender Sex, "Ich liebe dich". Sie ziehen zusammen, heiraten, er will ein Kind, schon wird sie schwanger. Wer kurz denkt, das sei naiv, vergisst den Gedanken gleich wieder, wenn er Tony immerzu ausgelassen lachen sieht. Denn das sieht aus wie echte Liebe.

Die Geschichte ist eine Rückblende in die Vergangenheit, die zehn Jahre zurückliegt. Der Film beginnt mit einer Rahmenhandlung, in der sich Tony bei einem Skiunfall einen Kreuzbandriss zuzieht und sich in eine Reha-Klinik begibt. Eine Ärztin vermutet, dass sie den Unfall absichtlich verursacht hat, selbstverletzend, wie auch die Beziehung zu Georgio. "Welcher Spruch fällt Ihnen ein, wenn es um Knie geht?", fragt sie. "In die Knie gehen", sagt Tony und weint.

So wie sie die Skipiste in der Eingangsszene hinabrast, schlittert Tony hinein in den zerstörerischen Bann Georgios. Dieser Mann, der für die Liebe über Grenzen geht, überschreitet Grenzen auch in anderer Form. Zuerst ist es die suchtkranke, selbstmordgefährdete Exfreundin, die von Georgio immer wieder Gelegenheit bekommt, sich einzuschleichen in die neue Beziehung. Tony passt das nicht, aber sie will nicht hören auf die mahnenden Worte ihres Bruders Solal (Louis Garrel). Georgio weicht den Konflikten aus, entzieht sich der Verantwortung, übergeht die Bedürfnisse seiner hochschwangeren Frau. Um sich Freiraum zu schaffen, zieht er aus der gemeinsamen Wohnung. Er beginnt zu lügen.

Man kennt diesen Typus eigentlich allzu gut und fast ärgerlich scheint es, diesem Liebesglück anfänglich vertraut zu haben. Georgio ist ein Narzisst, und sein guter Geschmack für das schöne Leben entpuppt sich schnell als Hang zu Exzess und Drogen. Ausgelassene Partys, junge, schöne Frauen - als das Kind geboren ist, geht der frisch gebackene Vater fremd. Tony ist verloren in dem schönen Kunst- und Mode-Milieu, mit dem sich ihr Mann umgibt. Sie wird krank, depressiv, versucht sich zu entwinden aus den Fesseln dieser Liebe, indem sie die Scheidung fordert und das Sorgerecht für das gemeinsame Kind. "Ich will kein Leben, das so ist", sagt sie unter Tränen, und macht mit der Hand ein stark ausschlagende Bewegung. "Das ist ein Elektrokardiogramm", sagt Georgio: "Eine gerade Linie bedeutet den Tod."

Der Film zeigt auf äußerst eindrückliche Art, wie sich Tonys Lachen zunehmend in Hysterie, das spontane Glück in pure Manie wandelt. Die Abhängigkeit ist das Leitmotiv des Films. Georgio, seine Freunde und Frauen, am Ende auch Tony selbst, sind abhängig von Medikamenten und Drogen, von Sex und Wahnsinn, und von der Liebe. Für die Darstellung dieser psychologisch dichten Entwicklung in der Rolle der Tony, die liebt, lacht, schreit, weint und kämpft, hat die Schauspielerin Emmanuelle Bercot bei den Filmfestspielen in Cannes den Preis für die beste Darstellerin erhalten.

Wie sehr muss man leiden, wenn man eigentlich liebt? "Mein Ein, mein Alles" ist die Geschichte einer intensiven Trennung, die nie ganz gelingt. Denn immer wieder kehrt Georgio zurück, er ist nicht nur Narzisst, sondern auch ein verspieltes Kind, kann einen ganzen Hotelspeisesaal unterhalten, wenn er will. Und Tony damit zum Lachen bringen, fast wie am ersten Tag. Das gelingt ihm noch vor dem Scheidungsgericht, und sofort landen die beiden wieder im Bett. Er kann sie, wie auch den gemeinsamen Sohn, nicht gehen lassen, braucht beide für das, was er sein will: ihr Ein und Alles, ihr König.

Der Film erzählt aber nicht nur von Selbstzerstörung. In der Reha-Klinik, zu der die Handlung immer wieder zurückkehrt, lernt Tony wieder aufrecht zu gehen. Ihre Zeit verbringt sie mit einer Gruppe ebenfalls versehrter Jugendlicher, die rappen, schnell Auto fahren, und sich fragen, was die ältere Anwältin eigentlich in ihren Reihen will. Die Antwort liegt auf der Hand: lernen, wieder ausgelassen zu lachen.