Es ist ein Ausnahmezustand, den vor allem die jungen Leute in der sich auflösenden DDR mit vollen Zügen genießen. Eine scheinbar grenzenlose Freiheit. Wohl ahnend, dass dieses Gefühl nicht für immer bleiben wird und irgendwann einem anderen noch unbekannten Leben Platz machen wird. Am 18. März 1990 ist Andreas, der Ich-Erzähler aus André Kubiczeks neuem Roman "Das fabelhafte Jahr der Anarchie", nach den ersten freien Wahlen ernüchtert: Es würde für seine kleine Anarchopartei keine zweite Chance für eine bessere Welt oder eine etwas weniger schlechte geben. Also kehrt er der Politik samt Barrikaden den Rücken und verlässt Potsdam, die Stadt, diesen Hort von Sorgen, um sich dem freien Landleben in der Niederlausitz hinzugeben.

Ulrike, die Schwester seines besten Freundes Arnd, lockt ihn dorthin, auf den kleinen Hof, der einst ihrem Großvater gehört hat. In der Abgelegenheit scheinbarer Idylle hoffen sie, den Ausnahmezustand Freiheit verlängern zu können.

In der Tat gehen jene 1990er-Monate zwischen der ersten freien Volkskammerwahl und der Währungsunion so gut wie spurlos an ihnen vorüber. Das geplante Studium wird auf einen St. Nimmerleinstag verschoben. Stattdessen werden Blumen gesät und Hühner gefüttert. Schmalzfleisch mit Zwiebeln wird zum Lieblingsgericht, verfeinert mit Bier und Wein und jede Menge Zigaretten vorher, nachher und zwischendurch.

Sie sind verliebt und genießen den Ausstieg ins häusliche Glück wie endlose Ferien. In einer Zeit, wo viele Menschen ihre Nischen verlassen, richten sie sich darin ein, hören noch nicht einmal Radio, sondern immer nur eine Kassette mit Musik von T.Rex: "But you won't fool the children of the revolution".

Die private Idylle ersetzt die Utopie. Wird selbst dazu. Denn in diesem Dorf zwischen Senftenberg und Cottbus, abseits des Weltgeschehens, scheint den jungen Leuten alles möglich. Einfach leben, wie sie wollen. Aber dieses betörende Gefühl der Angstlosigkeit und Gegenwärtigkeit wird bedroht durch Nachrichten aus der Realität, die Ulrikes Bruder Arnd, wie ein brausender Weltenwind hereinweht. Mit den neuen Geschäftemachern kommt Gebrauchtwagenschrott auf die Straßen. Arnd bekämpft den Kapitalismus auf seine Art. Indem er sich von ihm nimmt, was er gebrauchen kann.

Auch ein geflohener Rotarmist, der sich heimlich an den Eiern aus dem Hühnerstall gütlich tut und in seinem Hunger auch manchem Huhn den Kopf abreißt, bringt die Wirklichkeit mit brachialer Gewalt zurück ins Bewusstsein. Wobei es Ulrike und Andreas gelingt, auch ihn in diese fabelhafte Welt der Anarchie hereinzuziehen. Freilich, nur für eine kurze Zeit. Dann holt sie die Realität gnadenlos wieder ein. Wobei die Idylle gleichzeitig mehr und mehr an Reiz verliert und sich wie bei den Protagonisten auch beim Leser ein wenig Langeweile einnistet.

Ein Roman, der dadurch besticht, einen Ausnahmezustand eingefangen zu haben. Und doch hat der Leser beim Rückblick auf eine Zeit, wo im Osten Deutschlands alles drunter und drüber geht, das Gefühl, etwas zu verpassen.

Wenn diesem Ausnahmezustand ein Zauber innewohnt, dann vor allem dadurch, eine Ausnahme zu sein.