| 02:43 Uhr

"Ich wollte kein Holzbrett mit Stäbchen"

Felix Klieser wurde ohne Arme geboren und zählt doch zu den besten jungen Hornisten.
Felix Klieser wurde ohne Arme geboren und zählt doch zu den besten jungen Hornisten. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Kein Stuhl war mehr frei am Mittwochabend beim Cottbuser Bücherfrühling in der Stadt- und Regionalbibliothek Cottbus. Als wäre zu ahnen gewesen, was für ein amüsanter Abend das wird mit dem Hornisten Felix Klieser. Renate Marschall / mar1

Gespielt hat er wenig, die Klavierbegleitung fehlte, dafür aber höchst unterhaltsam die Fragen von Moderatorin Kathrin Krautheim beantwortet. Gelesen hat er natürlich auch. In seinem Buch "Fußnoten" erzählt er die letzten 20 Jahre seines Lebens - für einen 24-Jährigen ziemlich außergewöhnlich. Aber das ist ja so ziemlich alles an Felix Klieser - außergewöhnlich. Dass er ohne Arme geboren wurde, ist dabei nur eine der Besonderheiten, die für ihn keine ist und für Menschen, die ihn erleben, schnell in den Hintergrund rückt. Er ist witzig, manchmal fast wienerisch grantelnd, sehr direkt, kann auch charmant, sagt kluge Sachen. Wirklich charakteristisch ist seine Willenskraft. Das sieht er selbst genau so.

Bereits mit vier Jahren erklärte er seiner Mutter kategorisch: "Ich will Horn spielen." Wie er auf diese Idee kam, weiß er bis heute nicht, keiner in seiner Familie war besonders musikalisch. Die Mutter versuchte es erst gar nicht mit Widerworten, sie kannte ihren Sohn: "Ich war ein eher stilles Kind, sprach nur, wenn ich etwas mitzuteilen hatte." Das erzielte Wirkung. Die Mutter fuhr mit ihm zu einer der Musikschulen im Heimatort Göttingen. Die Lehrer dort waren etwas ratlos, ein so kleines Kind konnte die Kraft nicht aufbringen, Horn zu spielen. Sie versuchten, ihm das Xylophon nahe zu bringen, erzählt er. "Ich wollte aber kein Holzbrett mit Stäbchen". Der Horn-Lehrer ließ ihn schließlich pusten. Und es kam tatsächlich ein erster wackliger Ton heraus. Mit fünf begann für ihn endlich der Unterricht an der Musikschule. Er lernte, die Ventile mit den Zehen des linken Fußes zu bedienen, das Instrument zu verstehen. Mehr als fünf Minuten am Tag zu üben, gab der Körper zunächst nicht her. Schließlich sei so ein Horn im ausgerollten Zustand vier Meter lang. Überhaupt sei es eins der schwierigsten Blechblasinstrumente, weil die Töne fast nur mit den Lippen geformt werden. Funktioniert das mal nicht einwandfrei, gibt es die gefürchteten Kiekser. Hornisten nennen ihr Instrument deshalb liebevoll "Glücksspirale".

Bald konnte Felix Klieser die ersten Stücke spielen - Kinderlieder wie "Alle meine Entchen". "Ich will dieses blöde Entenlied nicht spielen", gab er seinem Lehrer zu verstehen. Überhaupt mochte er Kinderlieder nicht. Sie bescherten ihm aber den ersten Applaus. "Ich schnappte geradezu danach", erinnert er sich. Immer mehr Erfolge stellten sich ein. Felix Klieser heimste Preise ein, gewann den Bundeswettbewerb "Jugend musiziert". Als er mit 13 (!) Jahren als Student in die Musikhochschule Hannover aufgenommen wurde, öffnete sich ihm eine neue Welt. "Spätestens dort hatte ich Sprengmeister als meinen Berufswunsch verworfen", erzählt der Hornist. "Es dauerte ziemlich lange, bis ich mich entschloss, mein Hobby zum Beruf zu machen." Dass es dazu kam, daran ist wohl auch sein finnischer Hornlehrer Markus Maskuniitty, ehemaliger Solohornist der Berliner Philharmoniker, schuld. Zur Erheiterung des Publikums imitiert er dessen bedächtige Art zu sprechen, wobei jeder Satz mit einem "Ne" endet. Offenbar die richtige Methode, den Heranwachsenden zu einer eigenen Tonsprache zu führen. Felix Klieser gelang es sogar, eine Ansatztechnik zu entwickeln, mit der es ihm auch ohne Hand im Schalltrichter gelang, die warmen Horntöne zu erzeugen. Ohne sie könnte er einen Teil der für sein Instrument reichen Musikliteratur nicht spielen. Das alles hat der junge Mann geschafft - durch seinen eisernen Willen. "Der war immer in mir drin", sagt er. Und auch, dass er es nicht immer leicht mit diesem Ehrgeiz hatte. Dabei ist er gnadenlos ehrlich - eher ungewöhnlich für unsere Zeit, wie Kathrin Krautheim vermerkt.

Es tut ihm heute leid, dem einen oder anderen durch seine "aufbrausende Art" vor den Kopf gestoßen zu haben durch den Hang dazu, seinen Perfektionismus auf alle und alles zu übertragen. "Ich hatte nur Anspruchsdenken im Kopf und manchmal wirklich nicht alle Kekse in der Dose." Bezogen auf seine Musik aber hat ihn sein Perfektionismus weit gebracht. Er hat mit bedeutenden Orchestern und Dirigenten wie Sir Simon Rattle musiziert und inzwischen seine erste CD auf den Markt gebracht. Dafür erhielt er im vergangenen Jahr den Echo Klassik als "Nachwuchskünstler des Jahres (Horn)". "Wer erfolgreich ist, wird nicht vom Glück verfolgt, wie man meinen könnte", sagt er. "Talent ist nur zu 30 bis 40 Prozent beteiligt. Wille und Arbeit sind es, die Erfolg bringen." Bei ihm war es wohl auch sein Eigensinn, ohne den er ja nie Hornist geworden wäre.

Felix Klieser, der Glück und Erfolg ja eigentlich schon in seinem Vornamen trägt, hat viel erreicht, ist aber lange nicht angekommen. "Es geht immer alles noch besser, das ist ja das Spannende an meinem Beruf", konstatiert er. Zufrieden wird er wohl nie mit sich sein: "Es bleibt immer ein Unterschied zwischen der Vorstellung in meinem Kopf und dem, was ich erreiche." Am 17. April übrigens erscheint seine neue CD.