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Ich war sechzehn

Peter Richter hat einen Roman geschrieben, der viele Generationen anspricht.
Peter Richter hat einen Roman geschrieben, der viele Generationen anspricht. FOTO: dpa
Mauerfalljubiläum und Wiedervereinigung vor 25 Jahren. Viele Bücher erinnern derzeit daran. Jetzt kommt eine sehr authentische, unverbrauchte Stimme dazu. Die Stimme eines Punks aus Dresden. Peter Richter beschreibt in "89/90" die Wende aus der Sicht eines Sechzehnjährigen. Ida Kretzschmar

Es ist der letzte Sommer im Sozialismus. "Ich war sechzehn", schreibt Peter Richter. Im Tal der Ahnungslosen, wo er 1973 geboren wurde und fernab vom Westfernsehen aufwuchs, erlebt er aufregende Freibadnächte. In diesem Sommer, der die Welt verändern sollte, taucht der Ich-Erzähler in vollen Zügen ein in eine Jugend voller Abenteuer, Ungewissheiten und Veränderungen. Gerät er in ein rauschhaftes Jahr ohne Autoritäten. Erlebt er Schule im Chaos. Einige der Kumpels, mit denen er im letzten Wehrlager der DDR marschiert, im Freibad noch die Volkspolizei an der Nase herumführt, aber tragen auf einmal Glatze, während er sich selbst eine filzige Frisur zulegt. Und eine Freundin, die eine gläubige Kommunistin ist, trotz alledem oder gerade deshalb.

Da flüstert und schreit zwischen Gundermann-Liedern die Gruppe Sandow, singt eine Blues-Band "Bye, bye, Lübben!" Der Ich-Erzähler steht vor allem auf Punk, spielt selbst in einer Band mit schrillem Namen und schriller Musik. Die Lausitz, so nah an Dresden, aber spielt des Öfteren eine Rolle. Mit Mut stiftenden Namen wie Brigitte Reimann aber auch mit dem Hinweis, dass Autofahrern aus so verschlafenen Bezirken wie Cottbus hier der Zapfhahn verweigert wurde. Dennoch will dieser Roman nicht in erster Linie Weltgeschichte im Zeitraffer erfassen. Das wohl auch. Aber er tut es auf unerhört authentische, persönliche Weise. Und lässt so jene am Geschehen teilhaben, die damals wie er selbst gerade beginnen wollten, auf eigenen Lebenswegen zu gehen und in das Drunter und Drüber des Wiedervereinigungstaumels gerieten.

So sind es vor allem Erinnerungen an die eigene Jugend, an das, was einem zum ersten Mal im Leben passiert und einem deshalb nicht genommen werden kann, die die Schilderungen so unverwechselbar machen. Zu nächtlicher Stunde über die Mauer ins Freibad klettern, von Mädchen und Doc Martens träumen, sich mit den Flics anlegen, wie Polizisten seinerzeit auch fernab der Seine an der Elbe genannt wurden. Eine Generation, die durchaus schon politisch ist, sich der Anpassung entgegenstellt, die in der Elterngeneration in West und Ost gleichermaßen als bewährte Praxis galt. Und die auch mit ihren Erinnerungen an starren Haltungen anderer Generationen rütteln.

In diesem Sommer 1989 verlassen Tausende DDR-Bürger über Ungarn und später die CSSR ihre Heimat: "Der Gedanke, dass die hübschesten Mädchen unserer Altersklasse ihren ersten Sex mit Poppern aus Augsburg oder Bamberg haben würden, blieb unerträglich", beschreibt es der Autor, der heute für die Süddeutsche Zeitung in New York als Korrespondent arbeitet, in einer frischen, unverbrauchten Sprache. Er erzählt auch davon, wie sie Feten in Wohnungen feierten, die gerade erst aufgegeben wurden. Es war wie nach einer Neutronenbombe, malt er ein drastisches Bild: "Alles stand noch da wie immer, aber das Leben war erloschen."

Überhaupt sind es ungewöhnliche Bilder, die das Lesen dieses autobiografischen Romans auch zu einem Denkvergnügen machen. Etwa wenn er die berauschende Atmosphäre jenes geschichtsträchtigen Jahres mit einem einzigen riesigen Frühstück vergleicht: "Ein ewiges Versprechen von Anfang, ein endloses Hinauszögern des Arbeitstages." Das große Frühstück, so hießen Gemälde der Alten Meister, die die Fülle und das Faule gleichermaßen zeigten, die Feier des Lebens und die Fliegen auf dem Obst, vergegenwärtigt er sich die Endlichkeit der Pracht. Er weiß ja auch längst, was er mit sechzehn nur ahnen konnte: So reich, so verheißungsvoll, so schön wie dieses erste Jahr nach der Wende würde es nicht bleiben. Der Geruch des Westens, so verlockend strömend aus Westpaketen und Intershop, ist schnell verflogen.

Doch zunächst nimmt ihn die Revolution in Beschlag, bekommt er bei Demos in Dresden schon mal was auf die Nase. Öfter aber noch legt er sich mit Skinheads an, die Leute mit Irokesenschnitt zum Freiwild erklären. Das ist der Klassenkampf auf der Straße, der in verklärten Erinnerungen einer gewaltfreien Revolution oft in Vergessenheit gerät.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, mit Witz, Gedankenpurzelbäumen und literarischem Tiefgang. Und mit bemerkenswerten Fußnoten der Geschichte.

Peter Richter: 89/90. Luchterhand, 416 Seiten, 19,99 Euro