Zumindest in Senftenberg kennt jeder Grawert-May. Wenn man nach ihm fragt, erhält man von den meisten die Antwort: „Das ist doch der verrückte Professor, ja!„“ Und je nachdem, was einer von ihm hält, bekommt das Wort „verrückt“ das Timbre von Anerkennung, von Ironie, von Spott oder von Ablehnung. Mit so verschiedenen Stimmen charakterisiert man ihn. Das allein ähnelt schon einem Opernlibretto oder einer Sinfonie.
Papagenos Auftrittslied in Mozarts „Zauberflöte“ könnte auf ihn geschrieben sein:

Ich Vogelfänger bin bekannt
Bei Alt und Jung im ganzen Land.
Weiß mit dem Locken umzugehen
Und mich aufs Pfeifen zu verstehn

Mit dem Locken und Pfeifen hatte er es schon immer. Er erregt Aufmerksamkeit, Aufsehen und manchmal eben auch Auflehnung. Seinem seit Jahren umstrittenen Wirken kann man opernhafte Züge nicht absprechen. Ein Mann der Musik, des Theaters, der Dramatik und der Historie, weiß er Zeichen zu setzen. Aber ist es ein schlechtes Zeichen, wenn einer äußert, für jeden Senftenberger, der die Stadt verlässt, müsste ein Sterbeglöckchen läuten“ Ein Motiv der Trauer für alle, die in der Region keine Chance mehr sehen? So wird ihm manche Wohltat als Übeltat angekreidet. Kein Wunder, dass sich dieser Mann eines Ketzerstoffes angenommen und vor ein paar Jahren ein festliches Spiel um den tschechischen Reformator Jan Hus und seinen Märtyrer-Feuertod geschrieben und aufgeführt hat.
Man wünschte sich Librettisten wie Da Ponte ( „Cosi fan tutte“ , „Die Hochzeit des Figaro“ , „Don Giovanni“ ), Schikaneder ( „Die Zauberflöte“ ) oder gar - wegen der Stoffverwandtschaft - Johann Gottlieb Stephanie d. J. ( „Die Entführung aus dem Serail“ ) herbei, damit einer den Text zu einer Oper über die Heilige Barbara verfasst, die anno 2002 unter der geistigen Mittäterschaft Grawert-Mays aus dem Kreismuseum Senftenberg entführt wurde, um in der Fachhochschule von den Traditionen dieser den Bergleuten verbundenen und sie beschützenden Patronin zu künden. Dass dies eine Entführung auf Zeit und eine durchaus ehrenwerte, wenn auch vielleicht überzogene Aktion war, auch das qualifiziert die Tat zu einem Opernstoff.
Pop-Titan Dieter Bohlen als Doktor und Professor gar nach Senftenberger zu lotsen, zumindest aber als einen, der zu einer Lesung, einer Vorlesung oder gar einer Vortragsreihe kommt, das war auch ein mutiger, letztlich aber gescheiterter vogelfängerischer Akt, der nur Erik von Grawert-May einfallen konnte. Es geschah nicht oder nicht nur, um sich mit dieser Feder zu schmücken, sondern mit dem Gedanken, seinen Studenten Marketing-Strategien vor Augen zu führen.

Hirtenknabe bei Gründgens
Immer wieder was Neues mit der gleichen freudvollen Unruhe, die den jungen Mozart umgetrieben hat. An dieser Stelle müssen wir erklären, mit welchem Recht wir uns immer wieder auf Mozart beziehen. Mozart war dem im schlesischen und heute polnischen Luban Geborenen 1955 das erste bewusste klassische Klangerlebnis. Er spielte damals Geige und sang im Knabenchor St. Michaelis in Hamburg. Da war er zehn/elf, lebte in Hamburg, probte mit für die Rolle eines der drei Knaben in der „Zauberflöte“ . Intendant Günter Rennert inszenierte sie in dem neuen Haus der Staatsoper. Letzten Endes ging es ihm aber wie dem heutigen Cottbuser Generalmusikdirektor Reinhard Petersen - „Leben mit Mozart“ (14) erzählte davon: Er blieb in der Reserve. Aber May, damals hatte er seinen Doppelnamen noch nicht, fand sich bald entschädigt. Er durfte unter der Regie des berühmten Gustav Gründgens in der Uraufführung von Hans Henny Jahnns „Thomas Chatterton“ einen Hirtenknaben singen und spielen. Gründgens hat ihn begeistert. Er meint heute noch, seine Sprechstimme habe er von diesem begnadeten Mimen und Regisseur. Jahrzehnte später fasste er seine Faszination in einem Buch zusammen: „Theatrum eroticum“ . Darstellung hat wirklich eine schier erotische Kraft.
Für die an das Schöne gewohnten Ohren blieb aber Mozart das Größte. Das Singen, zwischenzeitlich wegen der verschiedenen Studien, wenn nicht vergessen, dann in den Hintergrund gerückt, hat für ihn längst wieder alte Bedeutung gewonnen. Das verdankt er einem Lausitzer Opernsänger.
„Nach Michael Zumpe habe ich wieder zu singen gewagt“ , sagt er. „Er hat in mir den Glauben geweckt, dass mit meiner Stimme etwas anzufangen sei, und mir Tipps gegeben, wie ich mich weiter entwickeln könne.“ Mit Zumpe gemeinsam - darüber war in „Leben mit Mozart“ (4) zu lesen - hat er vor Jahren die „Senftenberger Sängerknaben“ gegründet. Ungeachtet all dessen meint Grawert-May, dass sein kontinuierliches Engagement der Leidenschaft eines Dilettanten im ursprünglichen Wortsinn entspringe. Kam doch das Wort zu Mozarts Zeiten aus dem Italienischen in das Deutsche. „Dilettare“ entspricht dem deutschen „Ergötzen“ . Der Professor ergötzt sich an der Musik und versucht, diese Entzückung angereichert weiterzugeben. Mit seiner Stimme hat er zum Beispiel vor der Senftenberger Bürgermeisterwahl an einem Konzertabend die Besucher interessiert, initiiert und motiviert, ihre Stimme abzugeben. Ideenreich, mit Humor und Ironie gestaltete er eine ungewöhnliche Kandidatenvorstellung.

Alles hat seinen Sinn und Grund
Alles was er macht, hat einen weiteren Sinn. Alles, was er tut, befördert einen zweiten Grund mit. Mit der Barbara verband er das Wecken von Traditionen, mit Bohlen den Blick für Erfolgsstrategien, mit dem Protest gegen die Verlegung der FHL-Wirtschaftswissenschaften nach Cottbus das Werben für seinen Senftenberger Lokalpatriotismus. Da ist es normal, dass er im Mozartjahr Mozart nicht nur wegen Mozart ehrt. Er hat „Mozart für Marga“ gemacht. Auf schönere Weise kann man den Maestro nicht in die Lausitz holen. Erik von Grawert-May dringt seit Jahren darauf, die - welch schönes kunstsinniges Wort - Industriekathedralen des Bergbaus und den Festsaal der „Kaiserkrone“ auf dem Briesker Marktplatz wieder nutzbar zu machen. Da lässt er keine Ruhe. Auch wenn ihm ein Konzert dort aus baulichen Gründen verwehrt wurde, erging aus der Wendischen Kirche der Ruf, alles zu tun, um in der einst ersten Gartenstadt Deutschlands, Marga, ein solches kulturelles Zentrum zu installieren.
Es hatte die Gartenstadt wie die einstmals benachbarte Grube den Namen der Tochter des damaligen (1907) Generaldirektors der Ilse-Bergbau-Aktiengesellschaft erhalten. Auch dass die Siedlung im Jugendstil errichtet wurde, strahlt künstlerisch inspirierend Frische aus. Das mag sich auch Erik von Grawert-May gedacht haben, als er den dritten Jahrgang der von ihm initiierten Senftenberger Osterfestspiele unter das Motto „Mozart für Marga“ stellte. Er sang in der Wendischen Kirche, ganz Boheme, im schwarzen Gewand, mit hochgeschlagenem Kragen und wehendem Schal.

Mozart flirtet mit Marga
Gut eigentlich, dass Mozarts Frau nicht dabei war. Wie der Professor sich in diesen Wolfgang Amadeus hineinversetzt hat und die junge Bürgerstochter Marga ansang, da wäre Konstanzerl sicher richtig grante geworden. Er schwärmte immerhin: „Oh sie ist jung, o sie ist schön“ und: „Wie ruhig fühl' ich hier des Lebens Freuden ohne Sorgen“ .
Eine dritte Frau ist im Spiel: die in Senftenberg lebende bulgarische Pianistin und Musikpädagogin Jassena Tscholakowa. Sie hat seine Lieder begleitet, und als Hommage an sie hat er „Mozart für Marga“ auf CDs gebrannt. Nun hofft Grawert-May, sie für ein Projekt zu Ehren des norwegischen Komponisten Edvard Grieg zu gewinnen, dessen Tod sich 2007 zum hundertsten Mal jährt. Mozart, des Feierns nun bestimmt etwas müde, wird es ihm nach einem Jahr Jubel nicht übel nehmen. Auch mit Grieg wird Grawert-May Krieg gegen Bequemlichkeit führen.