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"Ich versuche, dem Zufall eine Chance zu geben"

Schiller ist in der Cottbuser Stadthalle mit dem Best-of seiner Klangwelten zu erleben.
Schiller ist in der Cottbuser Stadthalle mit dem Best-of seiner Klangwelten zu erleben. FOTO: Philip Glaser Photography
Cottbus. Am 2. Oktober startet das Musikprojekt Schiller seine Deutschland-Tour. leu1

Eine Station ist die Cottbuser Stadthalle. Die RUNDSCHAU sprach mit Christopher von Deylen, dem Künstler, der Schiller ist.

Das Motto Ihrer Konzerte lautet: eintauchen, abheben, loslassen. Gilt das nur fürs Publikum oder auch für Sie?
Von Deylen Ich versuche auf der Bühne schon, einerseits der Struktur meiner Songs zu folgen und andererseits dazwischen immer wieder Raum zur spontanen Entfaltung zu nutzen. Ich möchte mein Programm nicht berechnend herunterspielen wie zum Beispiel bei einem Musical, wo die Qualität des Stückes zwar erkennbar bleibt, es aber nicht zwangsläufig zu einer ergreifenden Darbietung kommt.

Sie versprechen den Zuschauern eine Reise aus Klängen und Bildern. Denken Sie da vor allem an Kopfbilder oder visuelle Effekte?
Von Deylen Sowohl als auch. Die Einbeziehung des Mediums Film ist mir diesmal wichtig. Ich wollte immer schon mit Naturgeräuschen arbeiten, und wenn ich ein Wellenrauschen live hörbar mache, ist natürlich jedem klar, dass das aus dem Synthesizer kommt.

Wenn man dazu allerdings Bilder sieht, kann sich das schon gegenseitig verstärken, glaube ich. Aus dem Grund will ich das Instrumentarium der Ausdrucksmöglichkeiten auf der Bühne gern erweitern. Deshalb haben wir auch den Surroundsound noch mal deutlich weiterentwickelt.

Wie sehr ist Ihre Klangkunst von der Technik abhängig?
Von Deylen Die Technik kann ein zuverlässiger Partner sein, aber auch ein Gegner (lacht). Manchmal entwickeln sich interessante Dinge, wenn sich die Technik weigert, das zu tun, was man möchte. Aus Fehlschaltungen entstehen oft unvorhergesehene Sounds, die man sich gar nicht ausdenken kann. Diese Zufälle sind durchaus spannend, aber natürlich versuche ich darauf zu achten, die Oberhand über meine Technik zu behalten. Mit Synthesizern oder Soundprogrammen für Computer lassen sich ja relativ schnell relativ vorzeigbare Ergebnisse liefern, weil es unzählige vorprogrammierte Sounds und Klänge gibt, die man nur durchzuzappen braucht. Dabei findet man immer irgendetwas, aber es passt eben nur irgendwie und nicht perfekt. Dafür muss man doch versuchen, sich die Technik untertan zu machen, indem man am besten bei null anfängt und sich eben nicht von dem Vorhandenen verführen lässt. Man könnte sagen, statt sich ein Fertighaus in Form von vorgefertigten Klängen zu wählen, sollte man sich lieber sein eigenes Häuschen bauen.

Man darf sich nicht zur Effekthascherei verleiten lassen?
Von Deylen Ja, neue Sounds hervorzuzaubern ist tatsächlich kein Problem, die befriedigende Arbeit beginnt jedoch erst, wenn man richtig in die technischen Möglichkeiten einsteigt. 80 Prozent der Solidität im Klang erreicht man schnell, aber die letzten im Idealfall 20 Prozent können wirklich dauern, teilweise tagelang. Zumal auch die Melodie oft vom Sound abhängt. Die wirkliche Vereinigung von Klang und Melodie ist das zentrale Element.

Sie machen nun schon seit rund 20 Jahren im Studio und live Musik. Was hat sich für Sie in der Zeit als Künstler geändert?
Von Deylen Nichts. Mit der Technik ist mehr möglich geworden, klar. Andererseits wird einem dadurch die künstlerische Idee nicht abgenommen. Technik kann nur Mittel zum Zweck sein, das Ersinnen von Dingen muss der Mensch nach wie vor selbst machen. Zum Glück. Insofern fühle ich mich immer noch als Anfänger. Ich wache jeden Morgen auf und freue mich wie ein kleines Kind auf all das, was es zu entdecken gilt. Manche nennen das Rastlosigkeit und Getriebensein, aber ich empfinde das als Geschenk.

Ich habe es auch aufgegeben, eine Art von Worklife-Balance erzwingen zu wollen. Mir liegt es jedenfalls total fern, es mir auf der Veranda der vermeintlichen eigenen Karriere bequem zu machen und quasi auf die Latifundien des Erreichten zu blicken. Ich habe mal für Udo Jürgens, kurz bevor er starb, einen Remix gemacht und mich mit ihm in einem langen Gespräch über das Thema unterhalten. Er sagte mir, dass er fast schon Panik empfände, weil er noch so viel machen wollte und es nicht schaffen würde. Das Erreichte sei ja, wenn man es erreicht hat, eigentlich schon wertlos, im Sinne von erledigt. Das sehe ich genauso. Ich denke immer schon an das Nächste.

Das Spektrum an Künstlern, mit denen Sie zusammengearbeitet haben, ist sehr breit und reicht von Mike Oldfield über Unheilig bis Anna Netrebko. Wie kommen die Kollaborationen zustande?
Von Deylen Ich suche sie. Ich kann gut mit mir alleine sein, aber gleichzeitig brauche ich den kreativen Austausch. Mit einer Band dauerhaft zu arbeiten, kann ich mir nicht vorstellen, aber eine zeitlich begrenzte Liaison mit Kollegen finde ich großartig. In der Beziehung bin ich sehr offen, und dabei ist die musikalische Heimat des Betreffenden nicht so wichtig. Hauptsache, er oder sie ist neugierig.

Vor einer Weile trainierte Sarah Brightman, mit der Sie auch schon arbeiteten, in Russland für einen Weltraumflug. Könnte Sie ein Weltraumtrip reizen?
Von Deylen Hm, bisher hat sich der Reiz in Grenzen gehalten. Der Aufwand wäre ja riesig und schon finanziell gar nicht machbar. Für mich ist so eine Reise auf gewisse Weise auch absurd. Ich mache die lieber in meiner Fantasie. Zwar finde ich es immer schön, wenn man versucht, sich Träume zu erfüllen. Aber ich glaube, dass man auch ein paar Träume braucht, die sich niemals verwirklichen lassen.

Mit Christopher von Deylen

sprach

Gunnar Leue