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| 02:48 Uhr

"Ich trug Dich so fest bei mir"

Jeder Satz berührte: Jovita Dermota und Jochen Striebeck im Lübbenauer Schloss. Foto: Enzian
Jeder Satz berührte: Jovita Dermota und Jochen Striebeck im Lübbenauer Schloss. Foto: Enzian FOTO: Enzian
Lübbenau. Helmuth James Graf von Moltke wurde am 23. Januar 1945 als Verschwörer gegen das Hitler-Regime hingerichtet. Bei der Lausitzer LesArt in Lübbenau trugen die Schauspieler Jovita Dermota und Jochen Striebeck die bewegenden Abschiedsbriefe zwischen ihm und seiner Frau Freya vor. Felix Johannes Enzian

Dass man von dieser Lesung nicht bedrückt, sondern innerlich gestärkt nach Hause ging, war auch das Verdienst der beiden Sprecher. Ohne Übertreibung, ohne falsches Pathos machten Jovita Dermota und Jochen Striebeck die geheime Korrespondenz zwischen Helmuth James und Freya von Moltke in ihren emotionalen Nuancen hörbar.

Gottvertrauen, Liebe, Zärtlichkeit, Stolz, Demut, Trauer, tiefer Schmerz, Verzweiflung, die aber nicht die Oberhand gewinnt: All das war in jedem Satz des Vortrags zu spüren - ganz schlicht, ganz menschlich, ohne die Briefschreiber zu Denkmalen zu heroisieren und zu entrücken.

Wie mag es sich anfühlen, gefesselt in der Zelle jeden Tag mit seinem Todesurteil und seiner Hinrichtung am Galgen rechnen zu müssen, die Hoffnung auf Rettung nicht aufgeben zu können, sie aber als aussichtslos zugleich aus dem Herzen zu weisen? Helmuth James von Moltke beschreibt seiner Frau diesen entsetzlichen inneren Zwiespalt: "Es ist aber so, dass dies Leben zwischen Tod und Leben eben anstrengend ist. Denn wenn man endlich zum Sterben ganz fertig und bereit ist, so kann man doch daraus keinen Dauerzustand machen. Das geht leider nicht; das Fleisch tut da nicht mit. So pendelt man zum Leben zurück, vielleicht nur wenig, man baut sich ein Kartenhaus und dann, wenn man das merkt, reißt man es wieder ein, und das hat das Fleisch eben sehr ungern."

Manchmal erstaunt die Schonungslosigkeit, mit der die Eheleute das bevorstehende Schicksal des Inhaftierten erörtern, etwa wenn Freya von Moltke ihm berichtet, was sie über den berüchtigten Volksgerichtshofspräsidenten Roland Freisler in Erfahrung gebracht hat: "Einen Angeklagten, der nicht geistig auf der Höhe sei, zermalme er wie eine Boa constrictor ihr Opfer. Eine Verhandlung unter Freisler könne unter Umständen atemberaubend faszinierend sein. Ich habe persönlich noch das Bedürfnis, Dir zu sagen, Du möchtest Dir nur ja nichts gefallen lassen. Wenn er brüllt, dann brülle wieder! Ich finde es doch wichtig, dass Du groß aus der Sache hervorgehst. Du wirst mit Kühnheit sicher mehr bei ihm erreichen. Ich bin ja auch der Ansicht, dass Du Dich verteidigen musst bis zum Äußersten, aber schlängeln darfst Du Dich nicht."

Schmerzhafte Offenheit

Diese schmerzhafte Offenheit ist wohl auch ein Resultat von Helmuth James von Moltkes in den letzten vier Monaten seiner Haft gewonnenen religiösen Erkenntnis: "Behalte die Bereitschaft zum Tode, sonst kommst Du in Anfechtungen." Durch ihre gemeinsame Vorbereitung auf seinen Tod fühlen sich die Moltkes einander so nah wie nie zuvor. Die in ihren Abschiedsbriefen immer wieder formulierte Liebe, ja, das gemeinsam genossene Liebesglück, ist ebenso sehr berührend wie die innere Gefasstheit gegenüber den Henkern und dem Tod: "Liebe, Liebe, Liebe, mein Herzensjäm; immer bleibe ich Dein P. Ich trug Dich so fest bei mir. Das war sehr schön zu fühlen" - so lauten die letzten Zeilen Freyas, die Helmut James von Moltke eventuell noch kurz vor seiner Ermordung erreichten.

Dass Freya und Helmut James von Moltke in seinen letzten 116 Lebenstagen 178 Briefe wechseln konnten, ist dem Berliner Gefängnispfarrer Harald Poelchau zu verdanken.

Poelchau gehörte wie Moltke zur Widerstandsgruppe des Kreisauer Kreises, wurde jedoch nicht enttarnt. Er schmuggelte die Korrespondenz unter Lebensgefahr. Sie ist nun unter dem Titel "Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel" im C.H. Beck Verlag erhältlich.

Minutenlanges Schweigen

Am Ende der Lesung im Lübbenauer Schloss herrschte für einige Minuten tiefes Schweigen. Dann spendete das Publikum sehr herzlichen Applaus.