| 16:32 Uhr

"Ich fühle mich wie im Schleudergang"

Isabel Dörfler als alternde Diva in Sunset Boulevard.
Isabel Dörfler als alternde Diva in Sunset Boulevard. FOTO: Kein Fotograf erkannt!
Cottbus. Am 14. Oktober hat am Staatstheater Cottbus das Musical "Sunset Boulevard" Premiere. Isabel Dörfler verkörpert eine Stummfilm-Diva, die in ihrer Glanzzeit verharren will und dafür zu allem fähig ist. Ida Kretzschmar

"Die Rolle ist heftiger, als ich gedacht habe", bekennt Isabel Dörfel mit überschwänglichem Temperament: "Ich fühle mich wie im Schleudergang. Alle Emotionen wirbeln in mir: Liebe, Furcht und tiefe Enttäuschung, die Norma Desmond in den Wahnsinn, gar in den Mord treiben kann. Mehr ist kaum drin auf der Bühne", ist Isabel Dörfler, bekannt aus vielen deutschsprachigen Musicalproduktionen, überwältigt davon, was dieses Gefühlschaos auslösen kann. Da bleibt sie nicht unbeteiligt. "Zum Glück kann ich singen, alles herauslassen: Freude, Glück, Schmerz, Frust. Singen ist eine gute Therapie", weiß die Musicaldarstellerin, die seit zehn Jahren in Berlin lebt, aber eigentlich immer unterwegs ist: "Die Bühne ist mein Zuhause", empfindet sie.

Die Darstellerin kann durchaus nachvollziehen, dass dieser vergessene Stummfilm-Star Norma Desmond am liebsten die Zeit zurückdrehen möchte: "Kennen wir nicht alle die Angst vor Veränderung? Genau das ist der Punkt: Veränderung tut weh. Aber es geht nicht ohne Loslassen. Wenn man das nicht begreift, geraten Realität und Wunschvorstellung hart aneinander", weiß sie. In diesem Musical von Andrew Lloyd Webber, das im Jahre 1993 nach dem Vorbild des oscargeadelten Films "Boulevard der Dämmerung" von Billy Wilder aus dem Jahr 1950 entstand, stecken noch weitaus mehr Themen, die uns heute bewegen. "Es wirft nicht nur einen sarkastischen Blick auf die Traumfabrik Hollywood, es stellt auch Fragen nach dem Älterwerden. "Das scheint noch immer vor allem ein Frauenthema zu sein. Wir haben gefälligst jung auszusehen. Da gibt es diesen gesellschaftlichen Druck, weil man doch was machen kann. Wenn aber immer alles so glatt ist, verliert es an Lebendigkeit", glaubt Isabel Dörfler, die überzeugt ist: "Gäbe es nur genug Rollen für ältere Schauspielerinnen, das Älterwerden fiele ihnen nicht so schwer."

Man werde doch auch wahrhaftiger, authentischer, frecher mit den Jahren. Immer nur schön sein müssen, von außen auf sich schauen, das sei anstrengender als ein Leben lang Ballett zu tanzen, lacht sie.

Sie muss es wissen: Hat sie doch schon im Alter von sechs Jahren getanzt, gespielt und gesungen. Ihre ersten Engagements als Solistin bekam sie in ihrer Heimatstadt am Bremer Schauspielhaus bereits vor ihrer Ausbildung am Studio Theater an der Wien, wo sie Tanz, Gesang und Schauspiel studierte. In vielen deutschsprachigen Musicalproduktionen stellte sie danach gleichzeitig ihr tänzerisches, musikalisches und darstellerisches Talent unter Beweis.

Isabel Dörfler spielte Hauptrollen in deutschen Erstaufführungen wie "A Chorus Line" und "The Rocky Horror Show". Sie verkörpert tragische Frauengestalten wie Evita und Piaf, lotet die ganze Bandbreite spartenübergreifend aus. "Ich kann nicht verstehen, dass in Deutschland Musicals mitunter noch als Tingeltangel betrachtet werden, man muss darin doch so vielseitig sein", bedauert sie. Ihre Paraderolle in "Cabaret" - die Sally Bowles - spielte sie gleich mehrfach an verschiedenen Theatern.

Mit Gänsehautgefühl erinnert sie sich noch immer an die "Chicago"-Produktion. Isabel Dörfler gab die Knast-Mutter Mama Morton. Während der Generalprobe und Premiere 2016 im Berliner Theater des Westens schaute auch Broadway- Legende Barry Weissler zu, Produzent des "Chicago"-Originals, der auch weltweit die Aufsicht über alle "Chicago"-Produktionen hat. Er, der dafür bekannt ist, selten Lob zu verteilen, sagte zu ihr: "Wundervoll, so begabt!" Isabel Dörfler fühlte sich wie im Musical-Himmel.

Auch in der deutschen Erstaufführung "Sunset Boulevard" hat sie schon gespielt. Das Stück ist für die 52-Jährige nicht nur "großes Kino, das bei aller Tragik auch immer wieder Komik enthält".

Es fordert von ihr auch stimmlich eine große Bandbreite. "Sopran, ganz tiefer Alt, alles ist drin." Mit ihrem Gesangsstil, der eine andere Farbe als Opern- und Operettengesang auf die Bühne bringe, sich nicht sklavisch an die Vorgaben halten muss, finde sie in Hardy Brachmann, der die Rolle des Joe Gillis (Normas jugendlicher Geliebter) verkörpere, einen guten Partner. "Ein großes Glück", nennt sie diese Zusammenarbeit, wie sie insgesamt die "Riesenspielfreude" am Staatstheater genießt und das schöne Haus, das auch am Sunset Boulevard stehen könnte.

Isabel Dörfler ist es gewöhnt, auf der Bühne die Untiefen der Seele zu offenbaren. Gewöhnlich schreckt sie selbst vor Mörderinnen nicht zurück. Umso wichtiger ist es für sie, sich in den Solo-Programmen von einer ganz anderen Seite zu zeigen, einfach einmal sie selbst zu sein, zartere, hellere Töne anzuschlagen. Sie war bei "The Voice" eingeladen, zum Chansonfestival in Stuttgart. Und sogar die Franzosen erwiesen ihr Standing Ovations nach ihrem Berlin-Hollywood-Programm in Paris auf Einladung von Radio France. Das Konzert wurde in ganz Frankreich ausgestrahlt.

Einen Herzenswunsch erfüllte sie sich selbst mit ihrer CD "Berlin - Hollywood", auf der sie Meisterwerke neu interpretiert von jüdischen Künstlern, die aus dem nationalsozialistischen Deutschland vertrieben wurden. "Ich will, dass sie nicht vergessen werden und Mut machen", sagt sie. Mit ihren sensiblen und kraftvollen Songs aber ist sie wieder mittendrin - im Schleudergang der Gefühle.

Zum Thema:
Im Swimmingpool einer Villa am berühmten Sunset Boulevard treibt die Leiche eines jungen Mannes. Es ist der Hollywood-Autor Joe Gillis, der hier arbeitete und nun selbst berichtet, wie es zu seinem Tod kam: Einst war Norma Desmond, die Besitzerin der Villa, ein schillernder Star. Dass ihre Ära mit dem Stummfilm unterging, will sie nicht wahrhaben. Süchtig nach Scheinwerferlicht träumt sie vom Comeback. In dem jungen Joe Gillis wittert sie eine Chance… Für die Premiere am 14. Oktober, 19.30 Uhr, und die nächsten Vorstellungen Karten im Besucherservice, Ticket-Tel.: 0355/78242424, sowie im Internet www.staatstheater-cottbus.de