| 02:38 Uhr

"Ich bin ein Teil von Deutschland"

Sänger und Gitarrist Sammy Amara kommt mit den Broilers nach Cottbus und Dresden.
Sänger und Gitarrist Sammy Amara kommt mit den Broilers nach Cottbus und Dresden. FOTO: dpa
Cottbus. Die Broilers aus Düsseldorf stehen im Ruf, authentisch und unangepasst zu sein. Mit dem siebten Studioalbum "(sic!)" will Frontmann Sammy Amara beweisen, dass er zu den Tonangebenden des deutschen Stadion-Punk gehört.

Der Zusatz "(sic!)" bedeutet "So (und nicht anders)" und findet sich überwiegend in akademischen Texten. Wie kamen Sie auf diesen ungewöhnlichen Albumtitel?
Amara Bei uns stehen Albentitel schon ganz früh fest, damit wir etwas haben, mit dem wir im Kopf arbeiten können. "Sic" in diesem Falle - das lateinische Wort für "so" - kenne ich als Typograf aus der Schriftsprache. Aufmerksame Bleisetzer haben damals durchaus fehlerhafte Texte korrigiert, obwohl sie alles spiegelverkehrt gelesen haben. "Sic" bedeutet, dass das Vorangegangene, obwohl es fehlerhaft wirkt, bewusst so gemeint ist. Wenn man das jetzt metaphorisch auf eine andere Ebene hebt, mögen diese 25 Jahre Bandgeschichte von außen durchaus bekloppt und voller Fehler wirken, aber für uns war alles genau richtig. Die Bauchentscheidungen haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind.

Sie haben ein "Bitteres Manifest" verfasst. Was war der Grund für dieses düstere Lied?
Amara Das Vorgängeralbum "Noir" war sehr dunkel auf persönlicher und emotionaler Ebene. Unser aktuelles Album ist zwar auch wieder dunkel, aber viel globaler. Weil es alle angeht, was da draußen passiert. Das "Bittere Manifest" ist eine Momentaufnahme und an einem Tag entstanden, an dem ich ziemlich schlecht drauf war. Es gibt Tage, da gehen dir fröhliche Menschen auf den Geist. Dieses Gefühl habe ich in dem Song ein bisschen überzeichnet. Manchmal muss man schreien. Das hilft.

In "Nur ein Land" beschreiben Sie Ihr persönliches Verhältnis zu Deutschland. Wie sieht das aus?
Amara Ich bin froh, hier zu leben. Dem größten Teil der Menschen in Deutschland geht es ziemlich gut. Vor allem verglichen mit anderen, denen es schlecht geht und die aus diesem Grund berechtigt aus ihrer Heimat flüchten. Ich konnte Patriotismus noch nie nachvollziehen. Es ist doch ein Zufall, dass ich hier lebe. Wenn Leute Bock haben, Fahnen zu schwenken und das Heimatland abzufeiern, sollen sie das von mir aus tun. Aber gefährlich wird es dann, wenn der Patriotismus zu Nationalismus wird. Denn dann werden Menschen ausgeschlossen aufgrund von Merkmalen, die man nicht selber herbeigeführt hat: Hautfarbe, Haarfarbe, Geburtsort. Das halte ich für sehr gefährlich.

Gibt es viel Positives hier oder überwiegt aus Ihrer Sicht das Negative?
Amara Es gibt hier eine ängstliche und durchaus negative Grundstimmung. Menschen brauchen jemanden, auf den sie trampeln und treten können. Und das sind meistens die, die gar nichts mehr haben und die ihre Heimat verlassen mussten, um zu überleben. Das alles bildet eine negative Grundstimmung, die aber unnötig ist. So schlimm ist es nämlich nicht. Den Bürgern hierzulande darf noch nicht mal der Fernseher weggepfändet werden. Im Internet schreiben Leute, es gebe in Deutschland keine Meinungsfreiheit. Das ist absurd und ein Schlag in die Fresse für Menschen in totalitären Staaten, die wirklich keine Meinungsfreiheit erleben.

Sie thematisieren auch schreckliche Dinge wie Bücherverbrennungen und entartete Kunst. Haben Sie Angst vor einem Vierten Reich?
Amara Grönemeyer hat bei Spiegel online sinngemäß Folgendes gesagt: Er hätte nicht gedacht, dass er in seinem Alter noch einmal miterlebt, wie es zu der Scheiße kommen konnte, die in den 1930er-Jahren passiert ist. Aber wir befinden uns gerade in so einer Zeit. Es fehlt nur gottseidank die "richtige" Person, die diesen Funken aufnimmt. Damals war es Hitler. Es ist wirklich ganz grausam. Im vorletzten Song des Albums wird die Frage gestellt, was antworten wir unseren Kindern später, wenn sie von uns wissen wollen, warum wir nichts gegen die menschenverachtende Grundstimmung unternommen haben? Ich kreide es Jugendlichen nicht an, wenn sie den Film "Schindlers Liste" sehen und dabei Witze machen. Das ist eine Art, mit dem Schrecken umzugehen. Sie sind damit überfordert. Ich kann mir aber nicht vorstellen, wie jemand zum Beispiel "Schindlers Liste" alleine gucken kann und dabei nicht vollkommen zerfließt.

Versuchen Sie als Deutscher mit Migrationshintergrund, dieses Land zu verstehen?
Amara Ich bin ein Teil von Deutschland. Manche Dinge kann ich verstehen beziehungsweise nachvollziehen, manche versuche ich zu verstehen, obwohl sie auf mich absurd wirken. Mich interessieren Menschen, weil sie ein Land gestalten. Deutschland ist der Behälter, in dem die ganzen Menschen rumschwimmen. Da gibt es tolle Exemplare und widerliche. An manchen Tagen will ich viel Liebe spenden, an anderen bin ich sehr nah am Mittelfinger gebaut.

Angeblich kann man mit Musik Aggressionen abbauen. Funktioniert das wirklich?
Amara Das funktioniert gut. Mir ist es tausendmal lieber, Leute powern sich beim Sport aus als auf der Straße. Deswegen gibt es in allen Gefängnissen Fitnessstudios. Die Jungs sollen sich da müde machen.

Mit Sammy Amara

sprach Olaf Neumann

Das Konzert im Cottbuser Glad-House ist ausverkauft. Karten für den Auftritt am 14. Juli in Dresden gibt es ab 40,85 Euro bei der RUNDSCHAU und bei anderen Vorverkaufsstellen.