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| 01:23 Uhr

Hymnen vom schüchternen Indie-Lord

Phillip Boa entzückte sein Publikum in Cottbus.
Phillip Boa entzückte sein Publikum in Cottbus. FOTO: Carsten Bunar
Wieso nur ist man jemals auf die Idee gekommen, Phillip Boa für die deutsche Ausgabe eines Mark E. Smith zu halten, des notorisch missgelaunten Chefs der britischen Postpunk-Band The Fall? Sicherlich ist der Mastermind des Voodooclub in der Vergangenheit nie als Stimmungskanone aufgefallen, aber das Klischee des grummeligen Brummbären hat Boa am Freitagabend in Cottbus erfolgreich unterlaufen. Von Heiko Nemitz

Im Glad-House fand der Auftakt zur Deutschlandtournee für das neue Album „Faking To Blend In“ statt und Phillip Boa präsentierte sich nicht nur freundlich, sondern nahezu charmant. Freilich auf seine ihm eigene Art.
Eingängig und leicht begann das Konzert und gleich als zweites Stück spielte der Voodooclub einen frühen Klassiker der Bandgeschichte: „I Dedicate My Soul To You“ . Aber natürlich durfte man nicht erwarten, dass Boa seine Seele auf der Bühne entblößt. Viel häufiger gab es dafür die Haare des Meisters zu sehen, die er immer wieder wie einen Vorhang vor sein Gesicht schüttelte. Erstaunlich, wie unverändert Frisur und Statur des früher als deutscher Independent-Papst gefeierten Boa geblieben sind.
Elegant stand er inmitten seiner vergleichsweise unscheinbaren Live-Musiker, wie ein dunkler Lord im Anzug mit lilaschimmernder Krawatte. Glamourös auch Ex-Partnerin Pia Lund, die als blonder Engel in strahlendem Weiß zumeist regungslos hinter ihrem Mikrofonständer verharrte. Das frühere Paar war eindeutig Mittelpunkt der Bühne. Dem Publikum mag diese nostalgische Note nicht entgangen sein; ein Blick in die Gesichter zeigte überwiegend Konzertgäste jenseits der 30, die mit Boas Musik erwachsen wurden und für die der Blick zurück auf alte Hits auch Erinnerungen an die eigene Jugend wach werden ließen.
Dass in Cottbus tatsächlich das erste Konzert der beginnenden Tour gegeben wurde, fiel nicht auf. Die Band zeigte sich sicher und eingespielt, als sei sie bereits seit Wochen gemeinsam unterwegs. Boa und sein Voodooclub scheinen den Geist der letztjährigen „Remastered“ -Tournee noch nicht abgelegt zu haben. 2006 wurden die Frühwerke „Copperfield“ , „Hair“ und „Hispanola“ neu veröffentlicht und auf der zugehörigen Konzertreise ausschließlich Titel dieser prägenden Bandphase gespielt.
Für das aktuelle, 15. Album haben sich zudem alle vier Originalmitglieder des Voodooclubs, neben Boa und Pia Lund auch Percussionist Voodoo und Der Rabe, wieder zusammengefunden. So strahlte dieses Konzert den Charme der frühen 1980er-Jahre aus. Zwischen das Material der neuen Platte streute Boa denn auch vornehmlich frühe Hits wie „This Is Michael“ oder „Container Love“ . Frenetisch bejubelt, versteht sich. Auf die allzu geradlinigen Pop stücke der „Boaphenia“ -Phase (CD von 1993) wie etwa „Atlantic Claire“ verzichtete der Voodooclub denn auch konsequent.
Mit ausnahmslos eingängigen, streckenweise druckvollen Stücken rauschte der Auftritt durch seine zweite Hälfte. Die früher fast manische Zerstörungswut Boas, sein Hang, schöne Melodiebögen durch rostige Widerhaken zu zersetzen, scheint der Vergangenheit anzugehören. Nachdem Boa sich nach gut einer Stunde (!) zu seiner ersten Publikumsansprache durchgerungen hatte, überließ er für einen magischen Moment die Bühne komplett Pia Lund, die solo „And Than She Kissed Her“ hauchte, vielleicht die schwelgerischste Ballade, die Boa je geschrieben hat.
Unmerklich zog der Voodooclub bei seiner Reise durch die Bandgeschichte das Tempo an. Zu einem Höhepunkt entwickelte sich „Burn Down The Flags“ vom Vorgängeralbum „Decandence & Isolotation“ (2005). Der Song erzeugte einen unwiderstehlichen Sog in hymnenhafte Höhen.
Boa selbst schien das zu spüren, lächelte immer öfter, fast schüchtern und verdruckst. Häufiger wurden auch seine Versuche, das Publikum zu animieren. Die rührend linkischen Anfeuerungsversuche des Bandleaders allerdings bewiesen, dass er zur Rampensau niemals taugen wird. Sich offensichtlich des klassischen Rock 'n' Roll-Gestus' schämend, überredete er sich schließlich selbst, die Band vorzustellen: "Ich glaube nicht, dass ich das jetzt mache", kommentierte ein geradezu ausgelassener Boa sein untypisches Tun und provozierte so Beifall.
„Albert Is A Headbanger“ schraubte die Temperatur nach oben und kurz vor Schluss gab es den kollektiven, orgiastischen Aufschrei bei den Anfangstakten von „Kill Your Ideals“ . Eintracht zwischen Band und zur Bühne stürmenden Konzertgästen. Ein altersmilder, von der Begeisterung sichtlich gerührter Boa entließ ein glückliches Publikum in die Cottbuser Nacht.