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| 16:45 Uhr

Neue Ausstellung in Cottbus
Spielräume ohne Ende

Vor dem Cottbuser Dieselkraftwerk grüßt von der Insel im Amtsteich eine Melusine – die Wasserfee, deren wahre Gestalt eigentlich niemand kennt. Die Plastik ist Teil einer Ausstellung von 100 Werken der Künstlerin Erika Stürmer-Alex im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus.
Vor dem Cottbuser Dieselkraftwerk grüßt von der Insel im Amtsteich eine Melusine – die Wasserfee, deren wahre Gestalt eigentlich niemand kennt. Die Plastik ist Teil einer Ausstellung von 100 Werken der Künstlerin Erika Stürmer-Alex im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus. FOTO: Brandenburgisches Landesmuseum
Cottbus. Das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus präsentiert hundert Werke der Malerin und Grafikerin Erika Stürmer-Alex. Von Renate Marschall

Die Ausstellung beginnt diesmal schon vor der Tür des Cottbuser Dieselkraftwerks. Von der Insel im Amtsteich her grüßt eine Melusine. Die Wasserfee, von der ja eigentlich keiner ihre wahre Gestalt kennt, erinnert in ihrer Farbigkeit – Gelb dominiert – an die farbenfrohen Plastiken einer Niki de Saint Phalle. Pop Art. Eine Spielart der Kunst, auf die Erika Stürmer-Alex auch in ihren Bildern gern zurückgreift.

Hundert Arbeiten der Malerin und Grafikerin sind derzeit in der Cottbuser Dependance des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst (BLmK) unter dem Titel „Zeitbrüche und Spielräume“ zu sehen – quasi ein nachgereichtes Geburtstagsgeschenk zum 80. Was für ein Werk. Überzeugend in seiner Kraft und dieser selten zu findenden Vielfalt künstlerischer Ausdrucksmittel. Spielräume ohne Ende. Gezeigt werden vorrangig Bilder – Malereien, Arbeiten auf Papier. Leider nur wenig Objekte. Neben der Melusina überrascht in einem der Ausstellungsräume ein überdimensioniertes Tortenstück mit allerlei Figürchen und Blümchen verziert, aus dem auf der einen Seite zwei Beine herausragen. Nun vermutet man auf der anderen Seite einen Kopf, vielleicht nebst Oberkörper – aber weit gefehlt: auch hier zwei Beine. Witzig, überraschend, originell und originär, dabei meisterhaft, das trifft auf das gesamte Werk der in Lietzen bei Seelow lebenden Künstlerin zu. Hier betreibt sie zugleich einen durch seine zahlreichen Aktivitäten deutschlandweit bekannten Kunsthof, von dem auch die Inspiration für die Gründung der Künstlerinnengruppe Endmoräne ausging, wie Kustos Jörg Sperling erklärt.

Die Cottbuser Werkschau setzt 1962 ein und endet mit den jüngsten Arbeiten 2018. Überraschend, dass von Anfang an die ganze Bandbreite künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten zu finden ist. Wunderbare Lithografien etwa zu Brechts „Mutter Courage“, bildnerischer Ausdruck jeweils eines prägnanten Zitats. Allein, wie verschieden ihre Material-Collagen ausfallen.

Die Künstlerin bemalt, was ihr in die Finger kommt und mit einer Idee verbinden lässt. Viereckige Pappteller werden so zum Kunstobjekt oder sie unternimmt 1989, indem sie eine Blümchentapete übermalt, den Versuch zur „Neubelebung der Tapetenmusterindustrie“. Wobei in diesem Jahr ja so manches neu belebt wurde. Man kann sich seinen Teil dabei denken, muss aber nicht. Nicht alles ist befrachtet mit Hintersinn. Manchmal sind es einfach nur Bilder, Formen, die sie interessieren und sich mitunter in einem verblüffenden Kontext wiederfinden. So etwa in der überdimensionalen Collage „Heroische Landschaft“. Erika Stürmer-Alex erzählt, dass sie im Baumarkt diese riesige Wandtapete Wald mit Bachlauf gesehen hatte und unbedingt etwas daraus machen wollte. „So ein schöner Bildgrund und keine Menschen darin.“ Zudem sei sie in dieser Zeit gerade mit Schinkel beschäftigt gewesen, habe für die Kirchen in Petzow und Altlangsow gemalt. Vom Baumeister sei sie auf dessen Zeitgenossen Caspar David Friedrich gekommen. Bekannte Figuren seiner Bilder, etwa aus „Die Lebensstufen“ bevölkern als Silhouetten nun die Wandtapete, wandern sozusagen aus der Vergangenheit in die Gegenwart, auf ein industriell gefertigtes Landschaftsbild. Da die Tapete aber für die ihr zur Verfügung stehende große Fläche nicht reichte, malte sie einfach ein wildes Muster daneben. „Das hatte ich im Café auf der Bluse einer Frau gesehen und abgemalt.“ Nun trifft Caspar David Friedrich halt auf Pop Art. Überhaupt haben es der Malerin grafische Muster angetan, sie tauchen allenthalben auf, häufig als Übermalungen. „Für ihre Collagen nutzt Erika Stürmer-Alex gern Dinge, die ihre eigenen Zeitgeschichte haben“, erklärt die Kunsthistorikerin Dr. Karla Bilang. So auch Schablonen, die Maler früher benutzt haben, um Muster auf die Wand zu bringen. Sie tauchen in verschiedenen Bildern auf, unter anderem über einer Fototapete Segelboot im Sonnenuntergang.

Begabung für das Figurative, für Komposition und Farbe bescheinigt Dr. Bilang der Malerin. Auf zahlreichen Tafelbildern, die Einflüsse von Max Klee über A. R. Penck bis eben zur Pop Art widerspiegeln, ist das mit viel Genuss nachvollziehbar. Erika Stürmer-Alex hat keine Angst vor knalligen Farben. Ihr Bild „Streit und Annäherung“ von 1993 springt einen geradezu an.

Sie sei neugierig, wolle selbst etwas entdecken, begründet sie die große Bandbreite von Techniken, die sie bunt mixt. „Thema und Technik müssen immer zusammenpassen“, sagt sie. Und dann sei da noch die große Spielfreude, die immer wieder neue Ideen produziert. Ist die Frau wirklich 80?

In einem Selbstporträt von 2018 malt sich Erika Stürmer-Alex als Teil der Natur, ganz im Grünen, sich zwar abhebend, aber doch in der Umgebung aufgehend. Da ist Ruhe, Zurückgezogenheit. Vielleicht eine neue Seite?