LiteraTour durch den Elbe-Elster-Kreis las der Kabarett- und Buchautor in seiner einstigen Heimatstadt Finsterwalde aus seinem jüngsten Buch ,,Populäre DDR-Irrtümer". 120 Zuhörer drängten sich im großen Veranstaltungsraum des Kreismuseums, um den Autor scharfzüngiger Nachwendebücher wie ,,Ab heute geb ich nichts mehr zu (1993), ,,Was ich noch vergessen wollte" (2000) und ,,Das Schönste am Gedächtnis sind die Lücken" (2005) zu erleben.Peter Ensikat kommt schnell zur Sache. Dass die Zeiten schlecht sind, merke man daran, dass es schon wieder Witze gebe. Das macht Ensikats Buch noch einen Zahn schärfer mit Blick auf eine Aktualität, die den ,,Aufschwung schon ganz unten angekommen" sieht, wie der Autor Angela Merkels ungewollte Analyse zitiert. Kein DDR-BrockhausDass sich der Kapitalismus so sehr an Marx halten würde, hätte er auch nicht gedacht. Sein Buch sei allerdings kein DDR-Brockhaus, sondern ein Werk ,,über meine DDR und meine Irrtümer" in ihr. Also Geschichtsschreibung als Verpackungskunst entlarvt. Jedoch müsse es auch um die BRD gehen, wenn DDR-Irrtümer benannt werden. In gewohnt pointierter Humorigkeit führt Ensikat die zumeist ,,gelernten Ossis" im Saal vom Irrtum der überschwänglichen Familienzusammenführung Ost-West gleich nach der Wende (,,wir haben uns ineinander geirrt") über den dialektischen Materialismus, der in der DDR in Notzeiten (also oft) zum ,,historischen Optimismus" mutierte, zurück bis hin zur ,,kleinsten Zelle Kita" in der DDR, wo das gemeinschaftlich ,,pinkelnde Kleinkindervolk" die Ursache allen späteren Übels wurde. Mit Genuss beschreibt Ensikat die skurrilen Tauschgeschäfte in der DDR.Allerdings: ,,Dass wir dachten, Beziehungen sind nur in der Mangelwirtschaft von Vorteil", habe sich im real existierenden Kapitalismus als großer Irrtum herausgestellt. Es könne schon von Vorteil sein, jemanden zum Beispiel im Bauordnungsamt zu kennen. Der Klassenfeind schlief tiefDie Irrtümer in der und über die DDR flogen den vergnügt lauschenden Zuhörern in Masse um die Ohren. Mit der "Sättigungsbeilage" habe das Gaststättenessen auch nicht besser geschmeckt und geschnitzte ,,Jahresendfiguren" ohne Flügel (o.F.) und mit Flügel (m.F.) blieben doch Engel. FKK als Sexersatz, Prostitution war ausgemerzt, und der Klassenfeind schläft nicht - alles Quatsch, belegt Ensikat mit hintergründigem Wortwitz. Sogar mit Ostgeld waren außerhalb von Messezeiten Liebesdienste zu kaufen und der Klassenfeind schlief tief. Warum mussten die DDR-Funktionäre sonst selbst die Grenzen öffnen? Aber die wahren Irrtümer kamen erst nach den Wende ans Tageslicht, kommentierte der Autor sarkastisch. ,,Da erfuhren wir staunend, dass die DDR voller Widerstandskämpfer gewesen sein muss und die Block- eigentlich schon immer Oppositionsparteien waren." Dass die Ossis an sich als die besseren Menschen glauben, sei ein schöner Irrtum und die Behauptung, dass in der DDR der Sozialismus aufgebaut wurde, der größte Irrtum. Als schlimmen Irrtum ,,und völlig abwegig", da vergeht dem Kabarettisten Ensikat der Humor, geißelt er die von alten und neuen kalten Kriegern gewollte Gleichsetzung von Nazi- und DDR-Diktatur. Immerhin, so liest Ensikat den Zuhörern als Fazit ins Stammbuch, wolle er nicht glauben, dass der jetzige real existierende Kapitalismus das letzte Wort über Möglichkeiten des menschlichen Zusammenlebens gewesen sein soll. Denn ,,wir wissen schon, wie sehr man sich irren kann", schmunzelt er mit den Zuhörern vielsagend. ,,Auf manchen Irrtümern muss man bestehen!" Jürgen Weser