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Hochvirtuoses Klangwunder

Der finnische Saxofonist Joonatan Rautiola (Jahrgang 1983) bezauberte das Publikum.
Der finnische Saxofonist Joonatan Rautiola (Jahrgang 1983) bezauberte das Publikum. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Ulrich Windfuhr und Joonatan Rautiola waren die bestimmenden Namen des 4. Philharmonischen Konzerts mit Schumann einerseits und dem Altsaxofon andererseits. Irene Constantin

Robert Schumanns "Manfred"-Ouvertüre eröffnete das Konzert. Am Pult des Philharmonischen Orchesters stand diesmal Ulrich Windfuhr, Dirigierprofessor an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Manfred, literarischer Held Lord Byrons, des Fürsten der schwarzen Romantik, leidet am Tod seiner Geliebten und an den Grenzen der eigenen Erkenntnisfähigkeit. Vom Weltschmerz fast in den Selbstmord getrieben stirbt schließlich, zwar vor der Hölle errettet, jedoch nicht mit kirchlichem Segen. Windfuhrs Zugriff auf Schumanns poetische Reflexion über Manfred kann man kaum anders als "beherzt" nennen. Man sah den Helden förmlich auf höchste Gipfel eilen, vernahm seinen keuchenden Atem, hörte ihn feierlich sterben. Schumann wollte eher das Lebensgefühl weltschmerzlicher Romantik in Musik fassen als eine Programmmusik über Manfreds faustisches Lebensende in den Alpen verfassen. Bei Windfuhr waren es aber doch ziemlich direkte dramatisch-musikalische Bilder.

Der Kontrast von der komponierten "Gothic Novel" zu den nächsten beiden Werken konnte größer nicht sein. Wäre Jacques Ibert kein konsequenter Gegner jedweder Festlegung und jeglichen Gruppen-Gedankens gewesen, hätte er haargenau in die Pariser Komponistengemeinschaft "Groupe des Six" gepasst. Er lebte zur gleichen Zeit wie "Les Six", vom Ende des 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, und er komponierte ähnlich wie sie: licht und klar, verständlich und unterhaltsam. 1935 komponierte Ibert ein Konzert für Altsaxofon und Kammerorchester für seinen Freund Sigurd Raschèr, den Übervater des "klassischen" Saxofons.

Musikant im besten Sinne

Gespielt wurde das virtuose Stück von einem blonden Jungen. Wüsste man es aus dem Programmheft nicht besser, man könnte Joonatan Rautiola für einen Abiturienten halten. Allein, er unterrichtet in Helsinki und gibt Meisterklassen zwischen Tokio und Straßburg. Eine unglaubliche Virtuosität verbindet dieser Musiker, Musikant im besten Sinne, mit einer stets spannenden, überraschenden Tongebung und Klangfärbung. Fast trompetenartig brillant klingt sein Saxofon in der Höhe, in der Mittellage sonor gesangshaft, dunkel näselnd in der Tiefe. In langsamen Passagen gibt er dem Ton etwas Aufgerautes, man ahnt sogar Spaltklänge. Schnell, langsam, sehr schnell jagte Iberts Concertino dahin, viel zu rasch war es zu Ende. Aber es folgte ja noch Erwin Schulhoffs "Jazz-Concerto", eigentlich als "Hot-Sonate" für Altsaxofon und Klavier komponiert. Im Konzert war eine Bearbeitung für Bläserensemble, Schlagzeug und Kontrabass zu hören. Gegenüber einer Klavierbegleitung mischt sich das Kammerensemble viel inniger mit dem Saxofonklang, der gezupfte Bass gibt dem Stück durch die länger schwingenden Saiten auch mehr Wärme, sozusagen ein Klangpolster. Auch hier erwies sich Joonatan Rautiolas Saxofon als ein hochvirtuoses Klangwunder und noch einmal bei der Zugabe. Eugène Bozza komponierte eine elegische Traummelodie, gefolgt von atemverschlagend rasanten Tongirlanden.

Musikalischer Höhepunkt des Abends sollte die 2. Sinfonie von Robert Schumann werden. Leider fand Ulrich Windfuhr keinen rechten Zugang zu diesem Werk. Obwohl es sehr bedenklich ist, von Lebensum- und -zuständen auf das Werk eines Komponisten zu schließen, muss man diese Sinfonie als eine Arbeit der Genesung, der geistigen Neuorientierung Schumanns auffassen. Er selbst bekundete diese "sinfonische" Heilung von einer tiefen Krise. Ein feierlich ernsthafter Kopfsatz ohne helles Seitenthema steht einem Scherzo voran, das sich zwischen nervöser Hektik und leichtfüßigem Witz kaum entscheiden kann. Der dritte Satz ist ein lyrischer Gesang, wehmütig und gleichzeitig befriedet fliegen die Gedanken, bis im temporeichen Schlusssatz ein Beethoven-Zitat Aufhellung und Klarheit bringt. Windfuhr ließ vor allem schnell, laut und noch lauter spielen. Ungeschmeidig die Phrasen, langweilig die gleichförmig wiederholten Töne, Motive, Themen, gefühl- und poesielos die lyrischen Stellen - wenn nicht gerade einer der Bläsersolisten ein Solo hatte. Wunderschön Oboe, Flöte, Klarinette, strahlend das Blech. Die Streicher vor allem hatten Pech. Sie vollbrachten eine grandiose Leistung, ohne wirklich ans Herz der Zuhörer greifen zu können.

Stilsicheres Orchester

Trotzdem konnte man stolz auf das Orchester sein, fand ein höchst kompetenter Zuhörer, der an führender Stelle im Cottbuser Musikleben tätig ist. Er bewundere seine Musiker, die bei ihren vielen Diensten zu einer solchen Leistung fähig seien. Vor allem lobte Evan Christ die Stilsicherheit des Orchesters, das von Schumann perfekt auf die jazzigen Saxofon-Werke umschalten könne. Apropos Saxofon. So einen tollen jungen Musiker wie Joonatan Rautiola mit seiner interessanten rauchigen Tongebung höre man nicht alle Tage. Unbedingt, so Evan Christ, wollte er diesen Mann in Cottbus haben.