Unter dem Titel "Das weiße Gold" wird die hoch entwickelte Handwerkskunst und ästhetische Meisterschaft sächsischer Porzellantradition vorgeführt. Es handelt sich vorwiegend um Skulpturen; wenige Porzellanbilder, bemalte Teller und Reliefs sowie zwei Arbeiten aus Feinsteinzeug.
August der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, verpflichtete Anfang des 18. Jahrhunderts den Apothekergehilfen Johann Friedrich Böttger für "höhere Handwerksdienste" nach Dresden. Als Resultat wurde nach wenigen Jahren das europäische Porzellan in die Welt gesetzt. Was bislang nur aus China teuer erworben wurde, konnte jetzt auf dem Kontinent selbst produziert werden. Dieses "weiße Gold" trat seinen Siegeszug an und erreichte rasch auch die Künstlerateliers. Das neue Material erlaubte viel versprechende - wenn auch sehr empfindliche - Gestaltungen in der Gebrauchs- und Kleinplastik. Anders allerdings als bei herkömmlichen Materialien wie Sandstein, Marmor oder Elfenbein waren hier nur Reproduktionen möglich. Denn das Original war die Form. Der Vorteil bestand in seiner mehrfachen Reproduzierbarkeit.
Porzellanplastik aus christlicher Ideengeschichte ist nur ein Teil im Meißener Fundus. Er spiegelt indes sehr dekorativ und anschaulich wider, was Kirche und Gesellschaft der Kunst damals als Aufgabe zumaßen: Diener zu sein. Was der Ausstellung besonderen aktuellen Reiz verleiht, sind deshalb nicht nur künstlerisches Stilempfinden und Gestaltungskraft, sondern auch die neue Dimension des Religiösen im politischen Dialog zwischen Morgen- und Abendland. Die zunehmend säkulare Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts muss sich plötzlich wieder mit Inhalten, Widersprüchen und Balancen der Hauptreligionen befassen, um globalen Gefährdungen zu entgehen. Das World Trade Center und der Karikaturenstreit sind bloß Kristalle des Eisbergs. Insofern verweisen diese Skulpturen auf neu zu Erweckendes: Versöhnung, Toleranz, Nächstenliebe.
Die Figuren entstanden nach grafischen Vorlagen oder originalen Plastiken, meist als Abformungen vom Holzoriginal. Verspielte Varianten des Rokoko wechseln mit kräftigen barocken Formen von Johann Joachim Kaendler (1706-1775), bis schließlich Friedrich Press (1904-1990) die Moderne ins Material bringt, Konzentration, Klarheit, minimale Linien, das Schlichte als Prinzip. "Der Diakon" (1958) ist dafür beispielhaft. Bezwingend und sicher unbestrittener Höhepunkt der Kollektion sind die Figurenensembles von Joachim Kaendler. Was der Bildhauer und Porzellangestalter vor 250 Jahren an Ausdrucksvielfalt und Homogenität in der menschlichen Figur vermochte, ist zeitbeständig für die Porzellankunst.
"Heiliger Franziskus von Assisi (1772) und "Heilige Theresa" (1775) seien genannt. Franz von Assisi, von Papst Gregor IX. heilig gesprochen und 1939 von Pius XII. zum Schutzheiligen von Italien erklärt, ist das Abbild aller Güte. Ebenso wie die sensibel kolorierte Theresa, die 1556 ihre "geistige Verlobung" mit Christus feierte. In ganz anderer Manier präsentiert sich das Glanzstück "Gottvater" von Ernst Barlach (Rotes Feinsteinzeug, 1924). Würdevoll und mit herber Schönheit, karg, massiv und erhaben schwebt die Figur im Raum. Barlach gelang es, scheinbar Unvereinbares zusammenzubringen: Die himmlische Figur wird irdisch, nahbar und vertraut. Kunst als Kompass!

Ausstellung bis 26. März, geöffnet täglich von 12-18 Uhr, Katalog