Die Titelrollen in Shakespeares erster großer Tragödie sind wohl für die meisten Schauspieler Wunsch- und Albtraum zugleich. Wer möchte nicht eine(n) dieser Liebenden verkörpern, deren Gefühl stärker ist als Hass und Tod„ Aber lassen sich die inbrünstigen Verse aus dem 16. Jahrhundert - nach unzähligen Inszenierungen, Verfilmungen, Adaptionen und Verulkungen - überhaupt noch spielen, ohne dass die Romantik in schwülstiges Pathos oder unfreiwilligen Klamauk abdriftet“
Paul Grill kennt dieses Dilemma. Der 27-Jährige hat seit der Aufnahme des Schauspielstudiums an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" in Leipzig eine Blitzkarriere hingelegt, die ihm im Anschluss 2005 sein erstes festes Engagement in Cottbus einbrachte und mit der Verleihung des Max-Grünebaum-Preises im selben Jahr einen nur vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Quasi am Wegesrand erfuhr der gebürtige Berliner allerdings eine Auszeichnung, die zum Fiasko wurde. Noch während seines Studiums engagierte das Staatsschauspiel Dresden den Jungstar als Romeo. In Paul Grills Augen war die Inszenierung furchtbar. „Die Regisseurin kam von der Oper und hatte keine Erfahrung mit Schauspielführung“ , berichtet er. Folglich habe jeder Akteur seine Rolle nach eigenem Gusto interpretiert; „gewurschtelt“ , sagt Grill. Der eine spielte unterkühlt, der andere überschwänglich - nichts passte. Der Student deklamierte die Verse mit allem ihm zu Gebote stehenden Herz-Schmerz: „Ich bin tierisch auf die Nase gefallen“ , bekennt er. Das Zuschauerinteresse sei schnell abgeebbt (heute ist die Regie-Verantwortliche übrigens Intendantin in einem bedeutenden Opernhaus). „Eines habe ich aus der Erfahrung gelernt“ , resümiert Paul Grill: Ein Schauspieler müsse auf der Bühne selbst seine Haut retten. Das Angebot, sich unter Federführung von Matthias Thieme erneut auf den Romeo einzulassen, nahm er gerne an.
Ein Probenbesuch einige Tage vor der Premiere zeigt, dass man sich um Paul Grills Nase diesmal keine Sorgen machen muss. Ihm dürfte sein Vorhaben gelingen, den Text so lässig zu sprechen als sei er Alltagssprache, ohne ihn von seiner dichterischen Höhe herabzuziehen. Tatsächlich liegt nichts näher, als diesem Draufgänger die Rolle des Romeo anzuvertrauen. In ihrer Laudatio auf den Grünebaum-Preisträger schwärmte die Cottbuser Oberspielleiterin Bettina Jahnke von dessen Körperbeherrschung, von seiner Spielfreude, seinem jugendlichen Charme. Mit Hollywood-Beau Leonardo DiCaprio, der zuletzt im Kino den Liebeshelden verkörperte, kann Paul Grill locker konkurrieren.
Allerdings ist dies die letzte Spielzeit, in der Grill - auch in „Cabaret“ und „Ladies Night“ - in Cottbus als Ensemblemitglied auf der Bühne steht. Damit er „nicht einrostet“ , wechselt der Schauspieler ans Theater und Philharmonische Orchester Heidelberg. In dieser entschiedenen Hinwendung zu neuen Herausforderungen zeigt sich wieder die Frische und das Selbstbewusstsein, mit denen Paul Grill offenbar schon seine Diplomarbeit verfasste. Sie trägt den Titel „(Un-)Abhängigkeit des Anfängers bei der Arbeit - kritische Betrachtung meiner Ausbildung in Dresden“ . Karriereprognose: Um diesen jungen Mann muss man nicht bange sein.
Naheliegend scheint auch die Besetzung Christiane Höflers als Julia. Sie verkörpere den Typ „das kleine blonde Mädchen“ , sagt die 30-Jährige, die seit dieser Spielzeit zum Haus gehört, aber bereits 2005 als Elisabeth in Schillers "Don Carlos" in Cottbus gastierte. Zuletzt trat sie als Mae in „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ auf. Den Zuschreibungen, die vom ihrem Aussehen herrühren, möchte sich die Schauspielerin allerdings entziehen. Auch der ach so lieblichen Julia will sie Ecken und Kanten verpassen. „Für mich ist sie ein Teenager, der sich zum ersten Mal verliebt, sie kämpft um Romeo“ , sagt Christiane Höfler. „Keine 14-jährige Jugendliche ist lieb.“
Einen Vorgeschmack gibt die Akteurin bei der Probe. Händeringend, himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt - so lebt, liebt und stirbt eine Halbwüchsige, die von der Kraft der Gefühle übermannt wird. In einer Hinsicht zeigt Christiane Höfler, die über Stationen in Magdeburg, Meiningen und Castrop-Rauxel in die Lausitz gekommen ist, übrigens mehr Selbstbewusstsein als Kollege Paul Grill. Sie schämt sich nicht, zum Auswendiglernen Verse deklamierend durch die Straßen zu laufen. Heute Abend wird sich erweisen, ob Matthias Thieme eine stimmige Inszenierung des altbekannten Shakespeare-Dramas gelungen ist.
Nächste Vorstellungen von „Romeo und Julia“ am Theater am Bonnaskenplatz am 15. März, 19.30 Uhr; 16. März, 19.30 Uhr; 17. März, 19.30 Uhr; 18. März, 19.00 Uhr; 21. März, 19.30 Uhr; 23. März, 19.30 Uhr; 24. März, 19.30 Uhr; 25. März, 16.00 Uhr; 27. März, 19.30 Uhr; 28. März, 19.30 Uhr.