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| 19:21 Uhr

Großräschen/Hoyerswerda
Solang wir noch tanzen können...

Ein Weggefährte von der Brigade Feuerstein fotografierte Gerhard Gundermann bei einem Konzert.
Ein Weggefährte von der Brigade Feuerstein fotografierte Gerhard Gundermann bei einem Konzert. FOTO: Hugo Dietrich
Großräschen/Hoyerswerda. Heute vor 20 Jahren starb der Lausitzer Rockpoet Gerhard Gundermann. Seine Lieder leben in vielen Sprachen weiter. Von Ida Kretzschmar

„Solang wir noch tanzen können und richtig echte Tränen flennen, ist noch alles offen, ist noch alles drin“... Sofort ist die Gänsehaut wieder da wie bei Gundis Konzerten vor fast einem Vierteljahrhundert. Die Worte liegen auf der Zunge, wollen mitgesungen werden. Dann die Verblüffung. So vertraut dieses Lebensgefühl ist, so fremd sind die Laute, die drei Liedermacher vor dem IBA-Studierhaus in Großräschen zu Gerhard Gundermanns Lied gefunden haben. Sie singen sein „Herzblatt“ gleichzeitig auf Niederländisch, Sorbisch und Englisch.

„Zolang we nog dansen kunnen en echte tranen huilen kunnen is nog alles open, zit er alles nog in“, heißt die Zeile bei Johan Meijer auf Niederländisch. Gemeinsam mit seiner Frau Diete und mit Unterstützung von Gundermanns Seilschaft gehört der 66-Jährige zu den Initiatoren eines Europa-Projektes, das in dieser Woche Liedermacher aus ganz Europa in der Lausitz zusammenführt, um Lieder von Gerhard Gundermann in ihre Sprache zu übersetzen. Nicht so weit weg von seinem Kohlerevier, wo dieser das letzte Mal von seinem Bagger stieg.

In dieser Nacht zur Sommersonnenwende ist es 20 Jahre her, dass der Rockpoet starb. Er wurde nur 43 Jahre alt. Seine Lieder mit ihrer rauen, radikalen und doch so eindringlichen, zärtlichen Sprache haben überdauert. Nicht nur „hier, wo die Kühe mager sind wie das Glück“. Im August soll auch ein Kinofilm von Regisseur Andreas Dresen über den Tagebaukumpel und Vollblutmusiker in die Kinos kommen.

Gundi, wie er nicht nur in der Lausitz genannt wurde, hat viele Menschen mit seiner Musik glücklich gemacht. Ein Rebell war er, der im Singeklub Hoyerswerda Rückenwind bekam und die Brigade Feuerstein zum Glimmen brachte. Der an eine menschengerechte Ordnung glaubte, sich mit einem Staat einließ und gleichzeitig gegenhielt, nicht nur die Landschaft aufwühlte, sondern auch die Menschen. Nach der Schicht zur Probe und vom Konzert direkt in den Tagebau. Oft nicht länger als fünf Stunden Schlaf. Er wollte es einfach nicht besser haben als andere. Aber härter durfte es schon sein. Ein Unbequemer, der harte Arbeit und deutliche Worte nicht scheute, als Anspruch und Wirklichkeit im real existierenden Sozialismus immer weiter auseinanderklafften. Und er beschwor eine Seilschaft herauf, als nach der Wende alte Seilschaften ins Gerede kamen. Ein Widerspruchsgeist, dem Poesie alltägliche Selbstbefragung war, der Mut machte und aus­sprach, was viele fühlten und hofften.

Einer, der noch 20 Jahre nach seinem Tod Menschen zusammenbringen kann wie hier, an der einstigen Tagebaukante bei Großräschen. „Ich habe Gundermann nie persönlich erlebt, aber das erste Lied, was ich von ihm hörte, hat mich umgehauen“, bekennt der Niederländer Johan Meijer. Spontan begann er, Gundermann-Texte zu übersetzen. Hatte er doch selbst erfahren, wie es ist, „Wenn die Steingesichter einen Traum verderben“. Im Jahre 2004 machte er seine ersten Aufnahmen mit Gundermann-Liedern. Irgendwann war eine CD fertig mit 17 seiner Songs auf Niederländisch. „Für mich gehört Gundis Musik zum Weltkulturerbe. Was er über Leben und Endlichkeit sagt, berührt uns doch alle“, sagt Meijer, der, wie Heiner Kondschak von der Randgruppencombo im Westen Deutschlands, dafür sorgt, dass die Lieder weitergetragen werden.

Und so ist Meijer glücklich, dass so viele gekommen sind, um in ihrer eigenen Sprache Gundis Lieder zu singen: „Wir wollen, dass sie auf Englisch, Russisch, Tschechisch, Sorbisch, Polnisch, Niederländisch, Türkisch, Ungarisch, Italienisch, Französisch, Ukrainisch, ja sogar auf Platt zu hören sind“, macht er neugierig auf das Konzert, auf dem die Ergebnisse des Workshops präsentiert werden.

David Robb aus Belfast hat während seines Auslandsstudiums in Rostock Gundermann noch live bei Konzerten erlebt. „Einsame Spitze“, sagt Robb, der ein guter Kenner der Singeklub- und Lieder-Szene ist. Seine Doktorarbeit hat er über Wenzel & Mensching geschrieben und selbst lange in einer schottischen Folkband gespielt. Er hat „Pferd aus Holz“, „Kämpfen wie Männer“ und „Der siebte Samurei“ übersetzt: „Es sind Lieder von großer Ehrlichkeit, Überzeugung und Emotion“, sagt er.

Pytko Pittkunings, mit Vornamen Bernd, im Spreewald aufgewachsen, erinnert sich: „Bei einer Liederwerkstatt des Bezirkes Cottbus ist Gundi eine Saite gerissen. Da bin ich für ihn eingesprungen“, denkt er zurück: „Wir verabredeten dann noch, etwas gemeinsam zu machen.“ Dazu ist es dann nicht mehr gekommen. Nun hat Pytko sechs Gundermann-Texte ins Niedersorbische übersetzt, drei Lieder hält er für bühnenreif. „Das war eine reizvolle Herausforderung für mich. Nicht alle seine Worte gibt es auch im Sorbischen wie zum Beispiel Schienenzange. Da musste ich auch mal eines erfinden“, lacht er.

All die Texte, diese Lieder aus Europa, sollen in einem Buch gesammelt werden.

Geträumt hat Gundermann einst davon, dass seine Lieder an fremden Stränden gesungen werden und dass er als eine fremde Katze wiederkommen könne, wenn auch der Fliedertee nicht mehr hilft und er sein Leben verliert. Ein übermütiger Gedanke kommt da von der Seilschaft: Wenn Gundi wirklich als fremde Katze um die Ecke schleichen würde – wie überrascht wäre er wohl. „You fell into my heart, little Linda“ könnte er da hören oder auf Ungarisch „az én bányám Brigitta“, das Lied von der Mine Brigitta, die pleite ist.

Vertraute Melodien, vertraute Klänge in der Lausitz, aber in fremden Sprachen. Und der, der sie erdachte, ist nicht mehr dabei.

Neben dem Foto des Liederpoeten ziert ein unauffälliges, kleines Pflänzchen das CD-Cover von Johan Meijer. Es wächst überall in wilden Gärten und in freier Natur. Kaum einer kennt es, obwohl es Heilkraft besitzt und immer wieder schöne Blüten treibt „Und es ist der größte Feind der Brennnessel, lindert die Schmerzen“, sagt Meijer, der sein Album nach dem heilkräftigen Kraut benannt hat. Gundermann heißt im Niederländischen Hondsdraf.

Nahe der einstigen Tagebaukante singen sie „Herzblatt“ in drei Sprachen (v.l.): der niedersorbische Liedermacher Pytko Pittkunings, David Robb aus Belfast und Johan Meijer aus den Niederlanden.
Nahe der einstigen Tagebaukante singen sie „Herzblatt“ in drei Sprachen (v.l.): der niedersorbische Liedermacher Pytko Pittkunings, David Robb aus Belfast und Johan Meijer aus den Niederlanden. FOTO: Ida Kretzschmar