Schon zum vierten Mal präsentiert das Technische Denkmal Brikettfabrik „Louise“ , einst älteste Brikettfabrik Europas, die Filmnacht. Der Stummfilm hat sich etabliert, kann Organisatorin Mechthild Passek auch diesmal feststellen. Siebzig Besucher wollen sich zu später Sonnabendstunde das Erlebnis nicht entgehen lassen. Diesjährige Hauptattraktion: Der Stummfilmpianist Carsten-Stephan Graf von Bothmer aus Berlin begleitet die Handlung.

Großes Gefühlskino
„Stell dir vor, wir müssten uns den Film ohne Musik anschauen“ , flüstert eine Zuschauerin ihrem Begleiter auf der harten Holzbank zu. Filmpianist Bothmer gelingt es, den Spannungsbogen vom Krimi bis zum großen Gefühlskino der Zwanzigerjahre in unsere Zeit zu holen. „Das war ganz überzeugend gemacht“ , zeigt sich Filmvorführer Holger Wagner von der Vagabunden.biz-Crew beeindruckt. Der begeisterte Filmamateur hat seine beiden fast fünfzig Jahre alten Vorführmaschinen gut im Griff und lobt die neuen Kopien des alten UFA-Filmes. Da die laue Sommernacht mitspielt, lassen sich die Zuschauer gern von den dicht in Szene gesetzten großen Gefühlswallungen, die unseren heutigen Filmerfahrungen fremd sind, optisch einfangen, wenn auch mit einem ständigen Schmunzeln.
Kuscheln ist angesagt auf den Zuschauerbänken. So schön anregend kann herzzerreißende Liebe auf der Leinwand sein. Wachtmeister Hulk vergisst vor den verheißungsvollen Augen der Juwelendiebin Else sein Pflichtbewusstsein und wird ungewollt zum Mörder an Elses Gangsterfreund. Aber auch die Schöne hat Feuer gefangen. Sie geht für den ansehnlichen Polizisten ins Gefängnis. „Liebste, ich warte auf dich“ , haucht der und blickt der Angebeteten hinterher. Das Flackern auf der Leinwand bricht ab, Film aus.

Erotische Augenaufschläge
Erstaunlich für die Zuschauer, mit welcher Meisterschaft Stummfilmregisseure solche Szenen in Bilder umgesetzt haben. Die typischen langen Einstellungen bringt Filmpianist Bothmer mit lyrischen Läufen zur Geltung, kündigt den Blick aus großen Augen an. Erotik, entstehend aus dem Augenaufschlag, aus einer Handbewegungen Elses und dem angedeuteten Einsatz ihrer weiblichen Mittel, wird durch das gefühlvolle Spiel am Piano verstärkt. Der Musiker ahnt die folgenden Szenen, improvisiert vorausschauend die Krimi-Elemente, greift in seine Stummfilm-Erfahrungskiste, immer mit konzentriertem Blick auf die Leinwand, und entspricht exakt der Erwartungshaltung der Zuschauer.
Erstaunlich, wie dabei eine Filmmusik aus einem Guss entstanden ist, denn Stephan von Bothmer erlebte den Film als „Premiere“ . Der klassisch ausgebildete Musiker hatte „Asphalt“ noch nie vorher gesehen.
Seine Filmmusikleidenschaft begann vor sieben Jahren mit der Begleitung von „Babylon“ . Seitdem kann er von alten Stummfilmen nicht lassen. „Film und Musik müssen eine Einheit bilden, da kann die Musik manchmal auch wichtiger sein als der Film“ , lautet sein Credo. Neben musikalisch neu bespielten Klassikern wie „Metropolis“ von Fritz Lang und „Nosferatu“ von Murnau gräbt er gern unbekannte Filme aus. Inzwischen ist Stephan von Bothmer der erfolgreichste Stummfilmmusiker ohne Orchester in Deutschland geworden.
Auch in Domsdorf erntete er großen Applaus. Die Zuschauer genossen zwischen in rotes Licht getauchten Maschinen und vor der angestrahlten Kulisse der Turbinenhalle ein besonderes Filmereignis. Im nächsten Sommer, das steht für Mechthild Passek vom Verein „Technisches Denkmal Louise“ fest, gibt es wieder eine Stummfilmnacht in Domsdorf. Bereits am 26. August ist der Film „Zuflucht“ mit Begleitung von Bothmers im Open-Air-Kino im Beachgarden Pohlstraße in Berlin zu erleben.