ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:13 Uhr

Hervorragend bei Stimme

Drei Generationen: Uschi Brüning (r.) hat sich für ihr Konzert in Peitz mit Ruth Hohmann (M.) die Grand Dame des Jazz-Gesangs auf die Bühne geholt. Jacqueline Boulanger ergänzt groovend den Sound der beiden Jazz-Ladies.
Drei Generationen: Uschi Brüning (r.) hat sich für ihr Konzert in Peitz mit Ruth Hohmann (M.) die Grand Dame des Jazz-Gesangs auf die Bühne geholt. Jacqueline Boulanger ergänzt groovend den Sound der beiden Jazz-Ladies. FOTO: I Hoberg
Peitz. "Subversion und Stimme", so das Thema in diesem Jahr bei der 52. Jazzwerkstatt in Peitz, das sind im Resümee viele gute Stimmen, über die Subversion in der gegenwärtigen Kunstszenerie darf noch nachgedacht werden. Ingrid Hoberg

Die fünfte Jazzwerkstatt Peitz seit der Fortsetzung der Veranstaltungsreihe im Jahr 2011 mit Nr. 48 schaffte den Spagat zwischen improvisierter Musik, Performance und einem breitbandigen Konzert mit Uschi Brüning.

Peitz, die Hochburg des Free Jazz in der DDR, und immer noch ein Hort der improvisierten Musik, hat zum ersten Mal den Sängerinnen einen Platz eingeräumt. So gestaltete Uschi Brüning den publikumsstarken Samstagabend. Im Programm hatte sie gemeinsam mit Ernst-Ludwig Petrowsky (Saxofon) und Michael Griener (Percussion) unter anderem mit "Der Bumerang" und "Das Ding" zwei Stücke, die auf der CD "Ornette et Cetera" erschienen sind. "Wir sind stolz auf uns drei, wir sind colmanserabel", sagte Ernst-Ludwig Petrowsky, der auch an diesem Abend mit trockenen Bemerkungen die Moderation seiner Frau Uschi Brüning kommentierte. Ornette Coleman, nicht nur mit dem Album "Free Jazz" ein Impulsgeber der Improvisation, war am 11. Juni in New York gestorben.

Die musikalische Vielseitigkeit von Uschi Brüning zeigte sich in der Peitzer Stüler Kirche an der kollegialen Gästeliste. "Es sind eigentlich keine Kollegen, es sind Verwandte", wie Petrowsky das Matthias Bätzel Trio ankündigte. Als Reminiszenz an Billie Holiday, die in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, interpretierten sie "Don't explain". Satiriker Wiglaf Droste, der Brüning und Petrowsky zu seinen "ostdeutschen Adoptiveltern" erklärt hat und ihnen derart auch ein literarisches Denkmal setzte, war erkrankt und leider nicht dabei.

Mit 83 Jahren gut bei Stimme und das erste Mal auf der Jazzwerkstatt-Bühne präsent, zeigte sich Ruth Hohmann, die Anfang der 1960er-Jahre die erste Jazzsängerin der DDR mit einem Berufsausweis war - damals unverzichtbar. Noch immer ist sie mit einem breiten Repertoire unterwegs. Sie beherrscht vom Blues bis zum Scat-Gesang die Palette. Und sie hat als Dozentin viele junge Interpreten geprägt. Mit Uschi Brüning und der groovenden Jacqueline Boulanger, der Dritten im Bunde, sind sie mit "Jazz-Ladies in da House" zu erleben.

Diesmal blieb es beim Anriss, denn weitere Gäste folgten - so Alan Skidmore, der englische Saxofonist, mit dem Petrowsky in der George Gruntz Concert Jazz Band spielte. Ein Live-Mitschnitt vom Konzert mit Brüning von 2008 im Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin ist auf dem Label der Jazzwerkstatt zum Festival in Peitz erschienen. Beim großen Finale in der Stüler Kirche standen dann zwölf Musiker auf der Bühne. Einfach eine Freude, bei diesem Konzert dabei gewesen zu sein. "Es war ein buntes Programm, aber das gehört alles zu meinem Leben", sagte Uschi Brüning am Ende.

Dass das Festival auch seinem Ruf als Stätte des Avantgardistischen gerecht wird, hatte sich schon zum Auftakt am Freitagabend mit Mats Gustafsson & Fire! Orchestra gezeigt. Auch hier zwei überzeugende Sängerinnen dabei mit Mariam Wallentin und Sofia Jernberg. Obwohl die Band in der kleinen Besetzung von knapp 20 Musikern (statt 30) gekommen war, ging es für manchen Zuhörer akustisch an die Grenzen. Unter den Free-Jazz-Hörern oft mit Skepsis betrachtet, überzeugten in Peitz alle Sängerinnen mit ihren Projekten. Uliana Horbachevska mit der Bearbeitung von ukrainischen Liedern mit Christoph Winckel, Matthias Schubert und Oliver Steidle, Vesna Pisarovic mit dem Bosnischen Blues und dem Jazzpool NRW Balkan Cantus wie auch Almut Kühne bei der Multimedia Performance mit Helge Leiberg (Overheadprojektion), Lothar Fiedler (Gitarre) und Heiner Reinhardt (Klarinette).

Ohne Sängerinnen kamen das expressive Ganelin-Trio und Soko Steidle, Improvisation par excellence, aus. Auch die Podiumsdiskussion "Subversion im Jazz und in anderen Künsten" kam ohne weibliche Stimme aus. Vielleicht hätte eine Künstlerin aufklären können, wie schwer (oder leicht) es heutzutage ist, subversiv zu sein. Den entspannten Festivalausklang gab es zum dritten Mal mit der Jazzmesse mit Pfarrer Kurt Malk, Wilfried Wilke (Orgel) und Gerhard Gschößl (Posaune) - und ganz am Schluss der fast schon swingende Frühschoppen in der Festungsscheune noch einmal mit Skidmore, Johannes Fink, Ernst Bier und Gschößl.

Zum Thema:
Die Ausstellung "Free Jazz in der DDR. Weltniveau im Überwachungsstaat" des Erinnerungslabors Berlin wurde eröffnet und ist bis 20. September in der Stüler Kirche Peitz auf der Empore zu den Öffnungszeiten zu besichtigen.Der Termin der Jazzwerkstatt Peitz Nr. 53 steht schon fest, wie Veranstalter Ulli Blobel mitteilt. Das Wochenende 10., 11. und 12. Juni 2016 kann vorgemerkt werden. Infos: www.jazzwerkstatt.eu .