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| 13:26 Uhr

Interview mit Heiner Kondschak
„Zwischen Mikrokosmos und Sternenhimmel“

 Heiner Kondschak (M.) wird mit den Musikern Mona Maria Weiblen und Christian Dähn seine Gundermann-Faszination im Senftenberger Theater auf die Bühne bringen.
Heiner Kondschak (M.) wird mit den Musikern Mona Maria Weiblen und Christian Dähn seine Gundermann-Faszination im Senftenberger Theater auf die Bühne bringen. FOTO: Buschfunk
Der Tübinger Musiker ist fasziniert von Gundermanns Texten. Am 17. April interpretiert er sie in der Neuen Bühne Senftenberg. Von Heidrun Seidel

„Wo nachts im Wald die Steine schrein“ heißt das Gundermann-Programm, mit dem der Tübinger Theatermann Heiner Kondschak am 17. April 2019 in der Neuen Bühne Senftenberg gastiert. Im RUNDSCHAU-Gespräch erzählt er, was ihn als gebürtigem Niedersachsen so am Lausitzer Liedermacher und Songpoeten fasziniert.

Sie kommen mit dem Programm, das Sie seit Ende März durch ganz Deutschland führt, nun ins Gundermann-Land. Ist das eine besondere Herausforderung?

Kondschak Ich glaube, inzwischen sind die Lieder von Gundermann und damit die Fans in ganz Deutschland zu finden. Sie haben eine so unheimliche Kraft, dass sie weit über die Lausitz hinaus faszinieren. Natürlich weiß ich, dass die Menschen hier eine besondere Beziehung zu ihm haben. Ich habe seine Lieder bereits 2001 in Hoyerswerda gespielt. Das saß seine Tochter Linda in der ersten Reihe, damals noch ein Kind. Und da kommt im Linda-Text dann „Vielleicht kannst du mein Lotse sein, halt mich an deiner Hand“. Ich habe es damals nicht gewagt, sie anzuschauen. Später hat sie mir erzählt, dass sie darauf gewartet hat.

Sie sind in Niedersachsen geboren, leben und arbeiten vor allem in Baden-Württemberg. Wie sind Sie zu Gundermann gekommen?

Kondschak Leider habe ich ihn persönlich nicht mehr kennengelernt. 1999, also ein Jahr nach seinem Tod, hat mir eine Kollegin eine Kassette mit seinen Liedern gegeben, aber ich hatte anfangs keine Lust darauf, habe gedacht, ach wieder so ein Liedermacher. Irgendwann im Stau im Tunnel bei Stuttgart habe ich sie dann doch eingelegt. Es war ein Radiomitschnitt anlässlich seines ersten Todestages. Ich habe die Lieder gleich zweimal angehört. Sie sind wie eine Bombe bei mir eingeschlagen. Dann habe ich mir bei Buschfunk, dem Berliner Musikverlag, erst einmal alles bestellt, was es über Gundermann gab.

Was hat Sie so fasziniert?

Kondschak Ich kenne niemanden, der solche poesie- und kraftvollen Lieder schreibt, noch dazu in dem Ausmaß. Nach 45 Jahren als Musiker am Theater ist mir keiner begegnet, der diese Sprache hat, zwischen Mikrokosmos und Sternenhimmel. Das Tolle daran ist, dass zehn Leute zehn verschiedene Assoziationen zu den Texten haben, die lassen vieles offen, Raum für Fantasie. Ich habe mich immer wieder gefragt, woher kennt der Mann mich? So sehr habe ich mich verstanden gefühlt. Und das geschieht mir nach 20 Jahren Beschäftigung mit Gundermann immer noch. Ich entdecke immer wieder Neues in den Liedern und habe immer wieder neue Lieblingslieder. Im Moment ist das gerade „Soll sein“.

Diese Entdeckung haben Sie nicht für sich behalten und die Randgruppencombo, deren Herz und Motor, Sänger und Arrangeur Sie sind, gegründet.

Kondschak Genau. Im Jahr 2000. Ich habe einigen Kollegen am Tübinger Theater die Lieder vorgespielt und gefragt, ob wir das machen wollen. Es hat sie genauso umgehauen wie mich. Natürlich haben wir das mit Klaus Koch von Buschfunk und Conny Gundermann, die die Rechte haben, abgesprochen.

Seitdem sind Sie Jahr für Jahr durch Ost und West getourt, jetzt ohne die Combo. Warum?

Kondschak Wir sind im ganzen Land verstreut und schaffen gemeinsam nur noch sieben Konzerte im Jahr: Dresden, Erfurt, Berlin, zweimal Tübingen und zweimal Leipzig. Das wollen wir auch beibehalten. Nun sollte im Vorfeld des Gundermann-Film eigentlich eine Tribute-CD erscheinen, auf der unterschiedliche Künstler Gundermann-Lieder spielen. Dazu ist es zwar irgendwie nicht gekommen. Aber ich hatte meinen Anteil geliefert – und daraus ist bei Buschfunk schließlich die Idee zu der jetzigen CD entstanden: „Wo nachts im Wald die Sterne schrein“. Und daraus erwächst nun diese Tour. Allein bin ich da auch nicht. Mich begleiten Christian Dähn, der auch Gründungsmitglied der Randgruppencombo ist, an Percussion, Bass, Geige und Drums, und Mona Maria Weiblen mit Alt-Saxofon und Gesang.

Ihre Instrumente sind Gitarre, Gesang, Mandoline, Bouzouki, Klavier, Low Whistle, Mundharmonika. Es heißt, Sie steigen tief in die Songs und deren Kosmos ein, eröffnen dem Publikum neue, oft ungewohnte Zugänge und geben den Liedern einen eigenen Ton.

Kondschak Ja, natürlich. Ich kann es nur so machen, wie es mir aus den Fingern kommt. Ich habe dabei das Bedürfnis, so zu interpretieren, als ob es meine Lieder sind, so sehr sprechen sie mir aus der Seele. Ich nenne sie deshalb „sehr eng befreundete Lieder“. Und ich habe durch sie auch so viele überraschende und wunderbare Begegnungen, sogar Freundschaften, erlebt. Auch deshalb bin ich unendlich dankbar für diese Lieder, die ich singen darf.

Was haben Sie erlebt?

Kondschak Na ja, anfangs soll es sogar Leute gegeben haben, die mit Tomaten und Eiern gekommen sind, weil sie glaubten, wir aus dem Westen wollten ihnen ihre Lieder wegnehmen. Aber sie haben sie nicht geworfen. 2001 in Jena wartete schließlich ein etwas reserviert wirkender Mann nach dem Konzert so lange, bis alle Zuschauer weg waren, kam auf mich zu und sagte, wir seien für ihn die ersten aus dem Westen, die verstanden hätten, was es im Osten Gutes gab. Ein andermal habe ich eine Mail aus Erfurt bekommen, in der es hieß: Früher bin ich nur wegen Gundermann in eure Konzerte gekommen. Jetzt komme ich auch wegen euch. Das ist doch ein schönes Kompliment. Und ich muss auch nie Angst haben, den Text zu vergessen Auf das Publikum ist immer Verlass.

Mit den Gundermann-Konzerten haben Sie auch Stückchen der Mauer in den Köpfen eingerissen.

Kondschak Das ist doch schön! Zwischen denen, die in Ost oder West Gundermann mögen, gibt es kaum Unterschiede. Ich freue mich auch, dass die Besucher nicht nur immer älter, sondern auch immer jünger werden. Im September in Leipzig habe ich einen 17-Jährigen kennengelernt, der wusste alles über Gundermann! Unglaublich! Meine Tochter, die nun auch damit aufgewachsen ist, sagt: Gundermann, das sind keine Lieder, das sind Lebensmittel.

Wie hat Ihnen der Film von Andreas Dresen gefallen?

Kondschak Hervorragend. Ich habe ihn natürlich nicht nur einmal gesehen. Ich kenne die Beteiligten von Conny bis zur Seilschaft, sogar den Puppenspieler. Der Film hat so viele liebevolle Details, aber eben auch beispielsweise die Stasigeschichte gut dargestellt. Das ist für mich als Westdeutschen, der auch immer eine andere, bessere Welt wollte und will, nachvollziehbar. Und dann noch die Lieder, die Alexander Scheer wunderbar interpretiert.


„Wo nachts im Wald die Steine schrein“. Kondschak singt Gundermann. 17. April 2019, 19.30 Uhr, Karten für 19 Euro (ermäßigt 15 Euro) unter Telefon: 03573 801286 oder in den Vorverkaufsstellen.

 Heiner Kondschak (M.) wird mit den Musikern Mona Maria Weiblen und Christian Dähn seine Gundermann-Faszination im Senftenberger Theater auf die Bühne bringen.
Heiner Kondschak (M.) wird mit den Musikern Mona Maria Weiblen und Christian Dähn seine Gundermann-Faszination im Senftenberger Theater auf die Bühne bringen. FOTO: Buschfunk