Cottbus ist das Nadelöhr auf dem Weg zum Bundeswettbewerb in Freiburg. Hektische Betriebsamkeit, atemlose Spannung - äußerlich davon keine Spur. Auf ihrem Gang zur Bühne wirken die Musiker grazil und gefasst, konzentriert und fokussiert auf ihr Ziel. Der in der Kategorie Musical antretende Rainer Meseke aus Prenzlau zeigt, dass es in seinem Inneren ganz anders aussieht: „Ich war sehr aufgeregt, aber nach dem ersten Lied ging es“ , gibt er nach seinem Auftritt zu. Mit der Gewissheit „Somebody loves me“ macht er sich auf den Weg zum Bundesfinale. Rainer lehnt lässig auf dem Barhocker neben dem Flügel. Der Blick verliebt - man kann raten, an wen er denkt. Danach „Tonight“ , die Ballade aus der West Side Story, einer der Welthits des Musicals. Ein Stück, an dem sich Rainer messen lassen muss.
Der Auftritt liegt hinter ihm. Das Gefühl der Erleichterung ist obligatorisch. Ein anderes stellt sich wieder ein: Hunger. „Heute Morgen habe ich nur einen Pfannkuchen runtergekriegt. Jetzt gehen wir erst mal essen und warten auf die Abschlussveranstaltung.“
Die Jury verleiht ihm einen Zweiten Preis. Bei der Übergabe der Urkunden im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus wieder dieser Blick, jetzt gepaart mit einem Lächeln, das möglicherweise noch manche Dame am Bühnenrand verzücken wird. Es geht für ihn musikalisch weiter, so viel ist klar. Schon nach seinem Auftritt wusste er, dass er für die Fahrt nach Freiburg wohl nicht reichen wird. Der 21-Jährige hat andere Prioritäten: „Musik bleibt weiter Teil meines Lebens. Ich werde mich in den nächsten Wochen bei Musicalschulen bewerben und hart für die Aufnahmeprüfungen trainieren. Das ist mir wichtiger als dieser Wettbewerb.“ Seine Urkunde wird er der Bewerbung beilegen.
Lebhaft sind die Vorträge von Liedern, die nur auf den ersten Blick verstaubt erscheinen. Die Kategorie „Duo Kunstlied: Singstimme und Klavier“ erfreut sich großer Beliebtheit. In den Pausen quetscht man sich in den Kammermusiksaal des Konservatoriums, sucht vergeblich einen Platz. Wir hören Haydn im Stehen.
Bequem sind die Stühle im Konzertsaal. Sitzen hat in dieser Sparte auch etwas mit Arbeitsschutz zu tun: Klavier vierhändig. Vier Hände, die Gefahr laufen, sich ineinander zu verheddern. Zwanzig Finger kämpfen um die richtige Position auf der Klaviatur. Sie schnappen zu oder streicheln die schwarzen und weißen Tasten, suchen den nächsten Anschlag.
"Es ist toll, hier zu spielen. Wir sind dankbar, so weit gekommen zu sein." Deborah Frisch und Maria Lindow, 16 und 14 Jahre alt, aus der Prignitz. Nach der Nominierung für den Landesausscheid haben sie das Üben erst mal ruhen lassen. „Sonst überspielt man sich“ , sagt Deborah.
Schwarzer Anzug, in seinen Händen hält er das goldene Saxophon, locker fällt eine blonde Haarsträhne über den Kragen. Ein Name der nach blue notes klingt: Joe Nowak. Er macht das Podium des Konservatoriums zur Jazz-Bar. Wäre der Saxophonist aus Rehfelde bei Strausberg nicht erst zwölf Jahre alt, er würde sich vielleicht einen Whiskey genehmigen.
Seine mitgereisten Eltern sind stolz. Der Vortrag stimmt sie im „Großen und Ganzen“ zufrieden. Die vor einer Woche ausgestandene Angina ließ den Jungmusiker wenig Zeit für Händel und Debussy. Seine anderen Stücke sitzen. Sie leben vom Herz, der kindlichen Leichtigkeit seines Spiels.
„Das ist kein Weltuntergang“ , sagt Gitarrenlehrer Bernhard Klar aus Finsterwalde seiner Schülerin Nicole Posselt. Es hat für sie nur zu einem Dritten Preis gereicht. Nach dem Vortrag verriet die 18-jährige Schülerin, dass schon ein Zweiter Preis eine Enttäuschung sei. Das zeugt von Ehrgeiz und Selbstvertrauen. „Ich kenne mein Programm, ich weiß, was ich kann.“