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Premiere ohne Regisseur
Hausarrest für Serebrennikow verlängert

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow im August in einem Gericht in Moskau. Foto: Alexander Zemlianichenko
Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow im August in einem Gericht in Moskau. Foto: Alexander Zemlianichenko FOTO: Alexander Zemlianichenko
Stuttgart/Moskau. Alles Bitten vergebens für Kirill Serebrennikow: Vor der Premiere der Märchenoper „Hänsel und Gretel“ in Stuttgart muss der Künstler in Moskau in Hausarrest bleiben. Von Ulf Mauder, dpa

Kommunikation mit der Außenwelt ist ihm verboten. Eindringlich bat der 48-Jährige vor Gericht noch darum, ihn wenigstens für einige Tage freizulassen, damit er künstlerische Projekte beenden könne. „Wenn nötig, unter den Läufen von Kalaschnikow-Maschinenpistolen“, sagte der Filme- und Theatermacher bei einem Gerichtstermin in Moskau.

In Stuttgart zerschlugen sich damit am Mittwoch die Hoffnungen, dass Serebrennikow doch noch zur Premiere am Sonntag (22. Oktober) kommen könnte. „Wir alle können das nicht verstehen, sind traurig und wütend“, sagte Intendant Jossi Wieler. Er hatte das Vorgehen der Moskauer Justiz als politisch motiviert kritisiert – mit dem Ziel, dem gesellschaftskritischen Freigeist Serebrennikow und der künstlerischen Freiheit insgesamt einen Schlag zu versetzen. Symbolhaft wird ein Platz frei bleiben im Opernhaus für den Künstler.

Serebrennikow hatte zuletzt mitteilen lassen - warnend, dass es inzwischen gefährlich geworden sei, in Russland modernes Theater zu machen. Mit dem auch in Deutschland gezeigten Film „Der die Zeichen liest“ zog er sich zuletzt vor allem den Unmut russisch-orthodoxer und ultrakonservativer Kreise auf sich.

Zwar ist die Solidarität für Serebrennikow in russischen Künstlerkreisen sowie auch seitens westlicher Politiker und Intellektueller breit. Doch die Zeichen für den Kultregisseur stehen nicht gut. Eine ehemalige Buchhalterin, die im Gefängnis saß, hat ihn belastet, staatliche Fördergelder unterschlagen zu haben. Sie dürfte den Behörden als Kronzeugin dienen.

Vorerst sitzt Serebrennikow jetzt drei weitere Monate in Hausarrest bis 19. Januar. Zehn Jahre Haft drohen ihm im Fall einer Verurteilung. Er selbst bezeichnete die Vorwürfe am Dienstag bei der etwa sechsstündigen Verhandlung einmal mehr als „absurd“.

In Stuttgart sieht Intendant Wieler das genauso. Er nennt das Vorgehen „erschütternd“. Ein „Free Kirill“-Aufruf (Freiheit für Kirill) hängt am Info-Brett des Staatstheaters, eine Mitarbeiterin trägt ein T-Shirt mit derselben Aufschrift. Mit Hoffnung zeigt Wieler erstmals einen für den 19. November im SWR geplanten Dokumentarfilm (11.00 Uhr) über Serebrennikows Opernprojekt im Rohschnitt, das eigentlich eine ganz neue Form von Musiktheater zeigen sollte: ein Spielfilm mit live gespielter Opernmusik und Gesang.

Serebrennikow erzählt das Märchen „Hänsel und Gretel“ im Kontext der Globalisierung – am Schicksal von zwei afrikanischen Kindern aus Ruanda, die auf der Suche nach dem Glück in die Welt des Konsums nach Stuttgart gelangen. „Ein Märchen über Hoffnung und Not, erzählt von Kirill Serebrennikow“ steht im Untertitel der Produktion.

Mal abgesehen davon, dass die Oper, weil sie das Thema Hunger in der Dritten Welt auch zum Thema hat, ohnehin politisiert ist, zieht der Fall des Regisseurs international Kreise. Bundestagspräsident Norbert Lammert kritisierte am Sonntag in St. Petersburg mit Blick auf den Fall Serebrennikow, dass Künstler, Intellektuelle und Journalisten, die kulturelle Vielfalt nutzen und lieben, in Russland bekämpft und verfolgt würden.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) rief Kanzlerin Angela Merkel um Hilfe an wegen der kulturpolitischen Bedeutung dieses Falls „von europäischer Dimension“. Geholfen haben all diese Appelle nicht. Nach den Verfahren gegen den russischen Ausstellungsmacher Andrej Jerofejew, gegen die Punkband Pussy Riot ist der Fall Serebrennikow wohl der mit der bislang größten Tragweite.

Was bleibt, sind unsichere Zeiten. Am Sonntag ist vor der Premiere im Opernhaus in Stuttgart die Podiumsdiskussion „Chronik der Ereignisse - Kirill Serebrennikow im Visier der Staatsgewalt“ auch mit russischen Intellektuellen geplant. Dabei dürfte es auch darum gehen, dass jeder Künstler, der in Russland staatliche Fördergelder annimmt, sich der Gefahr der Einflussnahme aussetzt. „Wer zahlt, bestellt die Musik“, lautet ein auch gern von Kremlchef Wladimir Putin benutztes Bonmot. Er ist längst im Bilde über das umstrittene Verfahren.

Für Serebrennikow bedeutet das, dass er auch einen Film über den sowjetischen Rockstar Wiktor Zoi und ein Ballett über den an Aids gestorbenen Ballettstar Rudolf Nurejew am Moskauer Bolschoi-Theater nicht selbst beenden kann. Zumindest aber die Oper Stuttgart will es ihm ermöglichen, „Hänsel und Gretel“ komplett zu inszenieren, sobald er selbst wieder in Freiheit ist.

Staatsoper über Serebrennikow

Offener Brief für die Freilassung von Serebrennikow

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Norbert Lammert zu Serebrennikows Fall