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Eine Frage Des Stils
Hand geht zum Mund

Als ich ein Kind war, haben meine Eltern auch Nachbarskindern an unserem Esstisch gesagt, dass die Hand zum Mund geht und nicht der Mund zur Hand. Mir war das damals unsagbar peinlich, den Freunden sicher auch, meinen Eltern nicht. Sie dachten vermutlich: So können wir das Kind nicht in die Welt gehen lassen - auch wenn es nicht unser Kind ist.

Kürzlich, bei einem Abendessen, schaute ich mein Gegenüber an und dachte: Dem hätten auch die Eltern mal etwas sagen müssen. Er hatte nicht nur das Hand-Mund-Problem, sondern schmatzte, sprach mit vollem Mund und schlang. Ich fand das ziemlich eklig - und kam ins Überlegen. Jeden Tag haben wir x-mal mit Menschen zu tun, beim Essen oder Arbeiten oder an der Supermarktkasse oder sonst wo, und immer gibt es die Möglichkeit, sich zu verhalten wie der letzte Mensch - unhöflich, unfreundlich, sonst wie ätzend - oder sozialverträglich und freundlich. Das hat nichts mit Spießigkeit zu tun, sondern lediglich damit, sich das Miteinander nicht zu erschweren oder es sogar netter zu machen.

An der Kaffeebude der Autobahnraststätte kostet es nichts, "einen Milchkaffee, bitte" zu sagen. Es ist kein echter Aufwand, das Gegenüber einfach mal ausreden zu lassen. Ich kann zumindest versuchen, meine schlechte Laune wegen der kaputten Heizung nicht an meinen Mitmenschen auszulassen. An Kollegen auf dem Flur muss ich nicht vorbeilaufen und stumpf auf den Boden schauen, sondern kann auch lächeln.

Sehr unterschiedliche Situationen, die irgendwie damit zu tun haben, was wir von zu Hause mitbekommen - natürlich muss man Kindern beibringen, dass man Bitte und Danke sagt, nicht mit vollem Mund spricht und dass man grundsätzlich erst einmal freundlich zu Menschen sein sollte. Wenn da jetzt aber ein bisschen was verschüttgegangen ist in den Jahren zwischen Klein- und Großsein, hilft vielleicht auch die einfache Frage weiter: Wie würde ich mich fühlen?