Von HAARP kann Alexander Kröger nicht lassen. Es gibt ja auch nur wenige wissenschaftlich-technische Projekte der Menschheit, die das bisschen Segen und den vielgestaltigen Fluch von Erdachtem in dieser Weise ahnen lassen. Die Abkürzung HAARP steht für High Frequency Active Auroral Research (Forschungsprogramm für hochfrequente Strahlen). Dieses Projekt, das in den USA der 1990er-Jahre startete, sieht vor, dass die obere Atmosphäre unseres Planeten mit hochfrequenten elektromagnetischen Wellen untersucht wird. Neben dem Ablauf von Naturvorgängen vor allem in der Ionosphäre, 60 bis 1000 Kilometer über der Erdoberfläche, sollen damit Erkenntnisse auf den Gebieten der Funkwellenausbreitung, Kommunikation und Navigation gewonnen werden. Außerdem könnte HAARP für Geodäsie und Geologie nützlich sein, indem es dem Erdball sozusagen Maß nimmt. Starke militärische Ambitionen verbinden sich mit den Möglichkeiten der Langstreckenkommunikation und Spionage sowie der Chance, mögliche Folgen eines Atomschlages zu unterbinden.HARPP-Kritiker sehen vor allem die Gefahr, dass das Projekt zur Massen-Manipulation von Menschen mißbraucht werden und zu Klimaveränderungen und Naturkatastrophen führen könnte.Das schlimme EndeAlexander Kröger hat all das bis zum schlimmen Ende weitergedacht. Bereits seine Romane "Das zweite Leben" (1998) und "Der erste Versuch" (2001) endeten mit der Vernichtung eines großen Teiles der Menschheit. Nur wer sich im Weltall, in den Tiefen des Ozeans und des Erdinneren befunden hatte, war den gefährlichen Strahlen entkommen, die die gleiche Frequenz der menschlichen Gehirnströme besitzen. Milliarden waren den Sekundentod gestorben. Nur ein paar Hunderttausend Menschen haben weltweit überlebt."Nimmerwiederkehr" erzählt nun von einer der Nachfolgegenerationen viele Jahrzehnte später. Die Menschen leben in drei Metropolen, aber auch in Streusiedlungen. Überall sind Leichen und Schrott der alten Zivilisation zu finden. Aber es ist eine Welt der Harmonie entstanden, die zentral, von einem Obersten Rat, regiert wird. Nationalismus, Religionsgezänk, Parteienhader gehören scheinbar der Vergangenheit an. Die Natur, die Tiere und Pflanzen, haben, wo der Mensch gewichen ist, ihren Lebensraum zurückgewonnen. Man könnte das eine Idylle nennen, wäre es nicht durch jenes Desaster entstanden. Wo aber Idylle ist, ist Unmut nicht weit. Da gibt es eine kleine, aber maßgebliche Gruppe um einen Wissenschaftler, der dem ungehemmten Bevölkerungswachstum Einhalt gebieten will, um der Elite ein gutes Leben zu sichern. Er schickt seine Jünger aus, um mit einem Medikament Unfruchtbarkeit zu verbreiten. Eine andere Gruppe verbreitet Unzufriedenheit, fordert ein anderes Wahlrecht, das auf der Qualifikation von Menschen fußt. Sie spricht die Gefahr an, dass alles "zerdemokratisiert" wird und scheut sich auch nicht, terroristische Mittel anzuwenden. Andere sind auf der Suche von Atombomben aus dem 20. Jahrhundert; denn der Erde nähert sich ein gefährlicher Asteroid, den sie aus seiner bedrohlichen Bahn bomben wollen. Eine weitere Gruppe kümmert sich überhaupt nicht um Politik, sondern plündert Lager, Sammlungen, bereichert sich. Kriminalisten ermitteln. Diese Interessengegensätze baut Kröger zu einem spannenden Szenarium aus. Jeder jagt jeden, und auch die Ermittlungsbehörden sind am Ball.Verblüffende Aktualität Der Leser ist dabei wie bei einer Fernseh-Konferenzschaltung. Was an anderem Ort zum gleichen Zeitpunkt geschieht, was die Jäger machen, während die Gejagten gerade einen Coup landen, man bekommt es nachgeliefert. Und was einer denkt, wenn ein anderer spricht, man hört es mit, weil Dialog und innerer Monolog gepflegt werden. Das ist ganz spannend gemacht, wenn auch die Sprache zuweilen hinter diesem Anspruch zurückbleibt. Wie der Mensch braucht auch die Sprache Bewegung, und die bezieht sie von den Verben. Zu viele Substantive verlangsamen, ja, erschweren den Gang der Dinge. Dieser aber strebt einem Höhepunkt zu, einer Parabel, die in diesem Buch höchst überraschend kommt. Aber Alexander Kröger war schon immer ein Autor, der über die Zukunft für die Gegenwart schreibt und dabei Geschichte widerspiegelt. Es stehen am Ende, da ein paar Tausend Menschen des Lebens auf Erden, in dieser (erstarrten) Idylle, überdrüssig sind, die Fragen: Wie geht man mit Ausreisewilligen um? Kann man ziehen lassen, wer ziehen will? Ihnen sogar die technischen Möglichkeiten dafür einräumen, die für die Zukunft gedacht waren? Das klingt nach Stoff für eine Fortsetzung. Krögers Romane sind ohnehin nie zu Ende.Alexander Kröger: Nimmer wiederkehr. Projekte-Verlag Cornelius. Taschenbuch. 273 Seiten. 14,80 Euro. ISBN 978-3-86634-678-9.Signierstunde: 5. April, 16 Uhr Heron Cottbus.