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| 17:34 Uhr

Cottbus
Innenansichten aus der Hölle Sibirien

Die Schriftstellerin Gusel Jachina bringt ihren preisgekrönten Debüt-Rroman mit nach Cottbus.
Die Schriftstellerin Gusel Jachina bringt ihren preisgekrönten Debüt-Rroman mit nach Cottbus. FOTO: Basso Cannarsa / © BASSO CANNARSA
Cottbus. Gusel Jachina kommt zur Lausitzer Lesart nach Cottbus. Jennipher Antoni liest aus dem Debüt der Moskauer Autorin. Von Ida Kretzschmar

„Suleika öffnet die Augen“ heißt ein aufwühlender Roman, der am 1. Februar in der Cottbuser Stadt- und Regionalbibliothek vorgestellt wird. Eingeladen zur Lausitzer Lesart, macht sich die Schriftstellerin Gusel Jachina von Moskau aus auf den Weg nach Cottbus. Schauspielerin Jennipher Antoni wird in der Reihe, eine Gemeinschaftsveranstaltung des Cottbuser Lernzentrums mit dem Brandenburgischen Literaturbüro und der RUNDSCHAU, aus dem Roman der jungen Tatarin lesen, der bereits in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurde.

Im Mittelpunkt steht eine tatarische Bäuerin. Eingeschüchtert und rechtlos lebt die Mutter von vier im Säuglingsalter gestorbenen Kindern auf dem Hof ihres viel älteren Mannes. Ihr Weg zu sich selbst führt durch die Hölle, das Sibirien der von Stalin Ausgesiedelten.

Die Eindringlichkeit dieses Buches aber rührt vor allem daher, dass sich die Schriftstellerin damit auch ihrer eigenen Familiengeschichte annimmt.

„Am 30. Januar 1930 wurde in der UdSSR ein Beschluss über ,Maßnahmen zur Liquidierung von Kulakenwirtschaften’ veröffentlicht. Das war der Beginn einer großangelegten Kampagne gegen wohlhabende Bauern. Sie wurden enteignet und in weit entlegene, unbesiedelte Gebiete der Sowjetunion deportiert“, erzählt sie im Gespräch mit der Lektorin Christina Links.

Der Roman handelt von diesen Ereignissen. Sie betrafen nicht nur die Tataren, sondern alle Bauern des Landes: Drei Millionen Menschen wurden „entkulakisiert“, sechs Millionen wurden in sogenannte „Arbeitskolonien“ geschickt. „Eine von diesen sechs Millionen war meine Großmutter“, sagt Jachina. „Im Januar 1930 wurden ihre Eltern enteignet. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte meine Großmutter in der Verbannung.“

Vor ein paar Jahren ist Jachinas Großmutter  gestorben. „Erst danach habe ich begonnen, mich intensiver mit der Stalinzeit zu beschäftigen. Ich wollte verstehen, nachempfinden, mir vorstellen können, was sie in der Verbannung durchgemacht hat. Erst viel später kam ich auf den Gedanken, ein Buch darüber zu schreiben. Die historischen Vorgänge haben für mich etwas sehr Persönliches bekommen“, schildert die Autorin (Jahrgang 1977) die Entstehungsgeschichte ihres Roman-Debüts, das bereits vielfach preisgekrönt wurde und sogar verfilmt werden soll.

Es ist nicht die Biografie ihrer Großmutter, die sie erzählt: „Ich habe nur die gleiche Zeitspanne gewählt (1930-1946) und die gleiche Wegstrecke – aus einem tatarischen Dorf über Kasan, Krasnojarsk und die Angara bis zu dem entlegenen Ort in der Taiga, wo man die Menschen ohne jegliche Existenzmittel einfach aussetzte.“

Und zwei Episoden des Buches gehen auf Erzählungen ihrer Großmutter zurück: der Untergang eines Dampfers, in dessen Schiffsrumpf Hunderte Gefangene eingesperrt waren, und eine andere, kleine Geschichte – ein Professor, der ebenfalls als Verbannter in ihrer Siedlung lebte, brachte ihrer Großmutter Mathematik bei, und zwar mit einem von ihm selbst verfassten Lehrbuch. „Alles andere geht zurück auf mein Quellenstudium.“

Die Autorin und Filmemacherin spricht ausgezeichnet deutsch. Ihr Roman besitzt die wichtigste Eigenschaft echter Literatur: „Er trifft mitten ins Herz“, schreibt die prominente russische Schriftstellerin Ljudmila Ulizkaja im Vorwort. Und in der Tat. Es ist unmöglich, sich nicht vom Schicksal dieser Frau, die in der Hölle Sibiriens eine ungeheure Überlebenskraft entwickelte, berühren zu lassen.

Der Abend wird von Katarzyna Zorn vom Brandenburgischen Literaturbüro moderiert.

Jennipher Antoni liest aus dem Buch.
Jennipher Antoni liest aus dem Buch. FOTO: Peter Ziesche
Gusel Jachina: Suleika öffnet die Augen. Aufbau-Verlag, 541 Seiten, 22,95  Euro
Gusel Jachina: Suleika öffnet die Augen. Aufbau-Verlag, 541 Seiten, 22,95  Euro FOTO: Aubau