24 Bühnenbilder sollen 24 Stunden eines Tages der Metropole illustrieren. Zu simpel alles. Hektisches Durcheinander. Zwei sich fortlaufend suchende Gesangspaare (Natalie Tineo und Lothar Stadtfeld, Dominique Lacasa und Lutz Thase) sollen durch einen prallen Berliner Tag führen. Einer davon, ein tapsiger Morgenpost-Reporter, trappelt knipsend und singend von einer Szene in die andere auf der Suche nach einem Mädchen, dem er im Kino begegnet war. . . „Ich finde sie nicht, ich finde den Rhythmus nicht“ , tönt er. Untergehender Gesang. "Ob ich mich erst verlieren muss, um die zu finden, die ich suche„", legt der Hamburger Songtexter (Peter Thiessen) einem Berliner in den Mund. Die peinlichen Liedtexte übertrifft noch ein tönender Brei aus viel Orchester-Blech. Ohne ein sich durchziehendes, musikalisches Motiv. Keine Melodie der fünf Komponisten möchten die Ohren ein zweites Mal ertragen.
Die Revue als "zehnte Muse" verlangt nach spielerischer Leichtigkeit, prächtiger Ausstattung, opulentem Bühnenzauber, erstklassigen Sängern, Artisten und vor allem einem großartigen Ballett mit raffinierten Tänzen zu nachsingbarer Musik.
Thomas Münstermann (Regie und Buch), seit 2004 Intendant des Friedrichstadtpalastes, wollte das Alte entstauben, mit seiner Show neue Maßstäbe setzen. Fast hat er dabei die Gesetze und die Ästhetik jeder guten Revue dieses dafür berühmten Hauses gleich mit weggefegt. Keiner der von ihm ausgesuchten künstlerischen Macher für die neue Show kommt aus Berlin, hat Erfahrungen in diesem Metier. Also weg mit den besten Berliner Revue-Traditionen“ Lieber amerikanischen Hip, rasante Wechsel, knalliges Durcheinander„

Abgemagerte optische Opulenz
Es fehlen die durchgängig heitere Poesie der Bühnenbilder und Kostüme vergangener Revuen, die stets mit Szenenapplaus bedacht wurden. Kids, Köche und Kellner sehen in der neuen Show fast wie im richtigen Leben aus. Keine raffinierte Übersetzungen im Kostüm (Kirsten Dephoff). Leider haben die Damen zu viel Stoff am Leib. Die Macher ließen Erotik eher bei den Herren anklingen. Überhaupt, die berühmte fantasievoll optische Opulenz ist ziemlich abgemagert. Und die ästhetische Gesamtausstrahlung auch. Selbst die des großen Ballett-Corps will nicht aufgehen. Dabei ist "die Seele und der Körper des Friedrichstadtpalastes das Ballett", weiß auch Münstermann. Vor der Presse jongliert er mit Mengen-Zahlen, als wären es Qualitäts-Beweise. Doch wie wollen gleich acht Choreografen, einige amerikanisch geprägt, einen übergreifenden Duktus f* amp*uuml;rs große Berliner Ballett finden“ So bleibt es denn auch unter der Möglichkeit seiner sonstigen Klasse. Die weltberühmte Girlreihe mit 64 Beinen, ein Muss jeder Revue, weil jedesmal vom Publikum erwartet und jedesmal mit Applaus bedacht, wirkt in der neuen Show irgendwie angestrickt, in das große Drehkreuz der Herren eingebunden. Die Erste Tänzerin (Susann Malinowski-Märtens) hat diesmal nur winzige Solo-Parts, nichts Vergleichbares wie etwa ihr unvergesslicher "Tango Macabre" aus einer älteren Revue. Da wundert sich selbst ein Ökonom über das "künstlerische Missmanagement", denn mit den hauseigenen Pfunden wurde einfach nicht gewuchert.
Trotzdem, es gibt auch Überraschungen. So, wenn auf der Bühne Regen fällt (300 Liter in der Minute auf einer Breite von 20 Metern) und die herabfallenden Tropfen ständig neue Muster bilden: Streifen, Blitze, Sonnen, Sterne, selbst Buchstaben, ja Worte, dass es Applaus hagelt. Hier hat der 24-jährige "Regenmacher" Jan Karabasz mithilfe computergesteuerter, magnetischer Ventile einen einzigartigen Regenvorhang gezaubert (auf der Grundlage des vom Leipziger Medienkünstlers Julius Popp entwickelten Kunstwerks "bit.fall").
Ebenso einfallsreich die Projektionsarbeiten des jungen Timo Schierhorn. Auf drei Etagen tanzt das Putzkolonnen-Ballett live und gleichzeitig auf Video als Schattenspiel. Am Ende wischt der letzte Putzi das ganze Bild weg und schließlich sich selbst. Gleichfalls Spaß gab es im Drei-Etagen-Museum, dessen Statuen erwartungsgemäß erwachen, eine riesige, weiße Maske zieht Grimassen und singt mit, auf dem Fries antiker Läufer schwingen plötzlich die Arme im modernen Takt. . .
Die herausragenden Auftritte aber haben die gut eingebauten Artisten. Die russische "Tschass"(Uhr)-Truppe rotiert Salti schlagend am Megaziffernblatt. Ein russisches Liebesspiel-Artisten-Paar agiert unter Wasser in einer gläsernen Halbkugel am Bühnen-Himmel. Und auf dem "Todesrad", zwei Laufradkäfigen in der Luft, gleichsam unseres verrückten Lebens auf dem Erdball, vollführen die Brüder Rai und Rudy Navas Velez aus Ekuador todesmutige Sprünge, dass dem Publikum der Atem stockt und es applaudierend aus den Sitzen treibt.

Artisten sind die Attraktion
Die Artisten, nicht die Show selbst sind die Attraktion des Abends. Nicht Münstermann aus Kassel hat mit "Rhythmus Berlin" einen neuen Revue-Stil kreiert, sondern sein Vorgänger, Alexander Iljinskij aus dem Vogtland (mit Regisseur Jürgen Nass) und seiner Revue "Wunderbar - die 2002. Nacht" vor fünf Jahren. Dieses Niveau wurde in den Nachfolge-Shows nicht mehr erreicht. Bleibt zu wünschen, dass das Publikum dem Friedrichstadtpalast, der wieder das beste Alte mit Neuem künstlerisch verschmelzen muss, die Treue hält.
Ticket-Telefon: 030/23262326, Di bis Sa 20 Uhr, Sa und So 16 Uhr.