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Große Stimmung auf der "kleinen Waldbühne"

Jan Josef Liefers versteht es, mit Charme und Witz sein Publikum im Senftenberger Amphietheater mitzureißen.
Jan Josef Liefers versteht es, mit Charme und Witz sein Publikum im Senftenberger Amphietheater mitzureißen. FOTO: Dietmar Seidel/dse1
Senftenberg. "Eigentlich wäre ich heute überhaupt nicht da." Die Zeile aus einem neuen Lied, das in Radio Dorias neuem Album "2 Seiten" ab 1. September 2017 zu hören sein wird, ist wohl – unabhängig vom Inhalt des Liedes – symptomatisch für den Frontmann der Band: Jan Josef Liefers könnte beim derzeitigen Tatort-Dreh in Münster, an Filmsets, auf einer der vielen Preisverleihungen oder roten Teppiche, bei Interviews in Radiosendern, beim Aufnehmen von Hörbüchern oder irgendeiner anderen seiner vielen Beschäftigungen sein. Heidrun Seidel / hsd1

Dass der große deutsche Filmstar, Musiker, Regisseur oder Produzent aber an diesem Freitagabend im Senftenberger Amphitheater ist, hat auch etwas damit zu tun, dass er ab und an die unmittelbare Nähe des Publikums spüren will. Deshalb müsse er immer mal wieder auf kleinere oder größere Konzerttourneen gehen. Da sei er nicht in einer Rolle, die er spielt. Da sei er einfach Jan. Und dass dieser Jan Freude am gemeinsamen Spiel mit Johann Weiß und Jens Nickel an den Gitarren, Gunter Papperitz an den Keyboards, Christian Adameit und Timon Fenner an Bass und Drums hat, ist vom ersten Ton an spürbar.

Der Funke der Begeisterung springt deshalb sofort aufs Senftenberger Publikum über. Es ist an diesem schönen Sommerabend besonders eng aneinander gerückt. Schließlich waren die Karten schon seit Wochen ausverkauft - und Andreas Stanicki, der organisatorische Leiter des Amphitheaters, und seine Mannschaft haben jeden Winkel ausgenutzt, damit noch ein paar Kartenwünsche mehr erfüllt werden konnten.

Das war auch schon vor sechs Jahren so, als Liefers mit dem "Soundtrack meiner Kindheit" und der gleichen Gruppe, die sich damals noch Oblivion nannte, schon einmal am Senftenberger See gastierte. Damals erzählte er anhand gecoverter Hits ostdeutscher Rockbands, wie und mit welcher Musik er in der DDR aufgewachsen ist und dass es für niemanden einen Grund gäbe, in Sack und Asche zu gehen wegen der ostdeutschen Geburt. Und so hatte er ordentlich Mut ausgeteilt für ein ostdeutsches Selbstwertgefühl.

Diesmal aber stammen die Lieder vor allem aus seiner und der Feder seiner Musikerkollegen. Aus dem damaligen Bühnenprogramm eines renommierten Schauspielers ist ein Band-Konzert geworden. Erzähler bleibt er trotzdem. Nicht nur mit den kleinen Geschichten zwischen den liedhaften Titeln, mit denen er auch kokettiert und das Publikum mit seinem Charme einfängt. Sondern auch mit den Inhalten, die er zu vermitteln hat.

Die erzählen von zwischenmenschlichen Befindlichkeiten, von verpassten Gelegenheiten, sehnsuchtsvollen Träumen und Wünschen. Dabei bedient er sich einer Sprache, die an die Lyrik ostdeutscher Rockmusik anschließt und so durchaus unterschiedliche Interpretationen, Gedanken und Gefühle bei den Zuschauern auszulösen vermag. Ob bei "Rückenwind", Sehnsucht Nr. 7" oder "Radio Doria" treffen sie sich mit der Lebenswirklichkeit der Konzertbesucher. Und die begrüßen schon den Titel, wenn nur der erste Ton anschlägt mit großem Hallo und Beifall. Denn sie kennen ihn, haben ihn aufgesaugt vom Album "Die freie Stimme der Schlaflosigkeit", das 2014 erschienen und 2015 neu aufgelegt worden ist. Sie lieben die "Verlorenen Kinder" und das "Halleluja", lassen sich zum großen Chor animieren und bereitwillig zum Tänzchen vor der Bühne verführen. Jan Josef Liefers versteht es mit Charme und Witz sein Pu blikum mitzureißen und einfühlsam, ohne den sprachlichen Holzhammer zu bedienen, es auch in seine Gefühle über Krieg, Gewalt und Toleranz einzubeziehen, die ihn seit seinen Besuchen im Gaza-Streifen in Israel oder im zerstörten syrischen Aleppo bewegen. "Unbeschreiblich" ist so ein Lied, das zugleich rührt und musikalisch eindringlich ist.

So bleibt er authentisch in seiner Musik, mit all den Freuden und Fragen, mit der Suche nach Antworten, mit Zweifeln, die ihn wie auch sein Publikum umtreiben. Schlaflosigkeit, die sich im Album-Titel widerspiegelt, versteht er nicht als Leiden, sondern als Chance, mehr Zeit für Lieder zu haben, die er schließlich im von rotem, grünem oder blauem Licht getränkten Theaternebel auf der Bühne voll Leidenschaft präsentiert.

Da ist Professor Karl-Friedrich Boerne, der schnöselige Besserwisser-Pathologe aus dem Münsteraner Tatort weit weg, auch wenn Mimik, Gestik und coole Sprüche mitunter an ihn erinnern.

Bevor sich schließlich der Musiker Jan Josef Liefers aus der "kleinen Waldbühne", wie er die Atmosphäre im Amphitheater mit der großen Berliner Schwester vergleicht, verabschiedet, gibt er als Zugabe in "Jeder meiner Fehler" sehr Persönliches preis, ein Lied, das am 11. August, drei Tage nach Liefers 53. Geburtstag als erste Singleauskopplung des neuen Albums erscheinen soll.

Zum Thema:
Carola Bartusch aus Hohenbocka ist mit Hut gekommen, dem Hutträger Liefers zuliebe. Der ist schließlich von der Gemeinschaft Deutscher Hutfachgeschäfte zum "Hutträger des Jahres 2016" gekürt worden. Sie sagt: "Mir hat einfach alles gefallen. Die Show, die Texte, sein Charme. Ob als Schauspieler oder Musiker, er ist toll." Auch Detlef Deil aus Finsterwalde ist begeistert. "Ich bin immer vorsichtig, wenn Schauspieler auch singen. Aber bei ihm hat alles gestimmt. Er ist wirklich gut und kniet sich richtig rein." Jetzt freut sich der Finsterwalder auf Götz Alsmann, der am 27. August ins Amphitheater kommt.