Das Laub raschelt unter den Füßen, gelbe und braune Blätter haben sich auf Wege und Wiesen gelegt - an den Bäumen hängen gerade noch genug, um dem Park ein malerisches Aussehen zu geben. Pücklers Park ist auch im Herbst eine Augenweide - oder gerade jetzt? Wenn sich die morgendlichen Nebel über der Neiße verzogen haben, den Blick freigeben auf die vom Gartenmagier wie Kunstwerke gestalteten Sichtachsen mit Brücken, Baumgruppen und einzelnen Bäumen. Ein ganz besonderer ist die Hermannseiche auf der polnischen Seite des Neiße-Ufers, wo sich zwei Drittel des Parks befinden. Was für ein mächtiger Baum wäre sie wohl heute, wäre sie nicht 1987 durch Brandstiftung vernichtet worden, wie Sophie Geisler, Mitarbeiterin der Stiftung "Fürst-Pückler-Park Bad Muskau", erzählt. Auf historischen Darstellungen lässt sich ein Bild vom mächtigen Stamm und der weit ausladenden Krone gewinnen. Der Maler hat nicht übertrieben, wie man anhand des noch vorhandenen Stumpfes erkennen kann.

Inzwischen aber gibt es eine neue Hermannseiche. Wie ein schützender Mantel umstellen die Baumreste den noch schmächtigen Stamm einer Stieleiche, die in den Stumpf hineingepflanzt wurde. Schließlich ist diese frei auf einer Wiese stehende Eiche von Pückler tatsächlich als ein magischer Ort inszeniert worden. Um den Baum sind im Halbkreis Findlinge gruppiert. Das hat was von Stonehenge, auch wenn die vergleichsweise kleinen Findlinge nichts gegen die mächtigen Megalithe im englischen Salisbury sind. "Es könnte sich um die Nachahmung einer Thingstätte handeln", erklärt Sophie Geisler Überlegungen der Pücklerforschung. Bei Pücklers Bewunderung für Hermann den Cherusker - Befreier Germaniens von den Römern - ist das keine abwegige Idee. Altgermanische Versammlungsorte werden als Thingstätten bezeichnet. So könnte auch die Benennung des einst imposanten Baumes auf den Cheruskerkönig zurückgehen. Aber Pückler mochte es ja gern geheimnisvoll und mehrdeutig. Der Baum könnte auch dem vom Fürsten so geliebten Großvater mütterlicherseits, George Alexander Heinrich Hermann von Callenberg gewidmet sein. Nicht zuletzt hieß der Fürst selbst ja Hermann. Wir werden es wohl nicht mehr erfahren, denn leider ist eine einst an der Eiche angebrachte Tafel mit Inschrift nicht mehr auffindbar.

Dass dieser Ort heute aber wieder, ähnlich wie zu Pücklers Zeit, seine Wirkung entfalten kann, ist den umfangreichen Gartenpflegemaßnahmen zu danken. Nach dem Zweiten Weltkrieg aufgeforstete Bäume und Wildwuchs wurden beseitigt. Leider hörte kurz hinter der Hermannseiche der ordnende Eingriff der Gärtner auf. Geht man den vom Rundweg rechts abbiegenden Weg weiter, wähnt man sich in einen Urwald versetzt. Wer sich wie Sophie Geisler hier auskennt, findet darin die Pückler-Bäume trotzdem. Thor- und Odinseiche lassen erahnen, warum dem Grünen Fürsten dieses Ensemble einst so wichtig war. Stämme, von zwei Menschen nicht zu umfassen, Äste so dick wie Bäume, dazu mit Moos bewachsen, bilden eine bizarre Form. Sie machen ihren göttlichen Namensgebern alle Ehre. Während der Laie an Märchenwald oder Mythologie denkt, weiß Sophie Geisler: "Den Bäumen geht es schlecht, ihnen fehlt das Licht." Die Baumriesen müssten unbedingt freigestellt werden. Diese Riesen sind wirkliche Sehenswürdigkeiten. Welcher Park hat schon solche Bäume aufzuweisen?

Aus dem Dickicht zurück auf dem Rundweg sind die Rudimente einer anderen Sehenswürdigkeit auszumachen - die Fundamente des Englischen Hauses. Inspiriert von einer Englandreise ließ es Pückler als eines der ersten Parkelemente errichten. Ein Cottage, das "den Charakter heiterer Ländlichkeit und Geselligkeit darbietet", schrieb Pückler in seinen "Andeutungen über Landschaftsgärtnerei". Es enthielt "einige für die Herrschaft reservierte Zimmer. Links im Schatten zeigt sich durch die Zweige eine bedeckte Kegelbahn; ein Rasenplatz . . . Eine zweite sich anlehnende Cottage dient dem Kaffeewirth als Wohnung . . . Auf der anderen Seite sieht man einen Pavillon, der einen kleinen Tanzsaal und zwei Spielzimmer enthält."

Die Anlage war also ganz der Vergnügung zugedacht und erfreute sich bis 1945 großer Beliebtheit, wie Sophie Geisler berichtet. Dabei wäre es so schön, auch heute beim Rundgang durch den Park an dieser Stelle zu verweilen, Kaffee zu trinken oder Bigos zu essen, sich an einem kühlen Herbsttag wie diesem ein bisschen aufzuwärmen und darüber zu freuen, was der Fürst doch für tolle Ideen hatte.