Nach dem Aufsehen erregenden Erfolg im vorigen Jahr in der Essener Villa Hügel mit 200 000 Besuchern macht gegenwärtig die Präsentation "Tibet - Klöster öffnen ihre Schatzkammern" in der Sonderausstellungshalle der Museen Berlin-Dahlem von sich reden.
Eigentlich sollte die hochkarätige Schau nur in Essen gezeigt werden. Dass die rund 150 Exponate noch vor ihrer Rückkehr hinter die schneebedeckten Gipfel des Himalaya den Weg in die Spreemetropole gefunden haben, ist dem großen Engagement der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu danken. Das ist mehr als Kunst. Hinter dem Sichtbaren verbergen sich nicht sichtbare virtuelle Aspekte einer mindestens 1500 Jahre alten buddhistischen Religion und Ethik.
Bei den zumeist erstmals in der westlichen Welt gezeigten Raritäten handelt es sich um Objekte, die "Einblick in das Leben und die ästhetische Sichtweise der Tibeter und ihre tiefe Verehrung der buddhistischen Lehre" vermitteln, sagt Kuratorin Jeong-Hee Lee-Kalisch, die seit 2003 mit einem wissenschaftlichen Team mehrfach zum "Dach der Welt" in Höhen von 3000 bis 5800 Metern reiste und sich tief beeindruckt über die Begegnungen mit demütigen Mönchen und Äbten äußert. Geduld und Zeit waren notwendig, um Vertrauen zu schaffen. Auf diese Weise gelang es der Professorin für ostasiatische Kunstgeschichte an der FU Berlin, Schätze von höchster Qualität aus Sakya, Tashi Lhünpo, Palkhor Chöde in Gyantse, Shalu und Mindröl Ling für ein westliches Publikum erlebbar zu machen. Für die Leihgeber ist das gleichsam die Cha nce einer kulturellen und spirituellen Mission. Es sind Götter auf Dienstreise, wie Äbte es formulieren.
Die sich betont unpolitisch gebende Schau verschweige, dass Tibet seit 1950 von chinesischen Truppen besetzt ist, der Dalai Lama nach Indien fliehen musste und mit der Zerstörung von 3000 Klöstern während der Kulturrevolution ein Großteil der tibetischen Kunstschätze für immer verloren gegangen ist, heißt es in einer Protesterklärung mehrerer Tibet-Organisationen in Berlin.
Daraufhin angesprochen entgegnete Jeong-Hee Lee-Kalisch, eine Bedingung der chinesischen Seite für die Schau habe darin bestanden, "dass die Ausstellung nicht politisch ausgenutzt werden darf - von keiner Seite". Die Alternative war demnach: gar keine Ausstellung. Dennoch bleibt die Frage, ob sich Kultur und politische Realität Tibets voneinander trennen lassen.
Buddha hat gottlob alle Stürme überlebt. Was Wunder, dass die außerordentlich kostbaren Reste dieser einzigartigen Kultur wie ein Augapfel gehütet werden. Andachtsvoll blickt man auf feuervergoldete Skulpturen, seidenbestickte Thangkas, prächtige Meditationsgemälde, Schreine und Altäre aus Tempelhallen und Privaträumen der Lamas, symbolträchtige Sanskrithandschriften und nicht zuletzt in das noch heute gültige medizinische Handbuch "Die vier Tantras" im Themenbereich der tibetischen Heilkunde, die Zeugnis ablegt von der engen Verbindung zwischen Buddhismus und Medizin.
Buddha hat tausend Gesichter. Vom menschlichen seiner frühen Existenzen zum transzendenten Buddha, der die Grenze zwischen der Sphäre des Absoluten und der dinglichen Welt aufgehoben hat. Man begegnet ihm als predigende, sitzende, stehende, furchtlose oder schützende männliche und weibliche Gottheit, friedvoll oder zornig, einzeln und in Gruppen, immer von auffallend großer Lebendigkeit.
Sonderausstellungshalle der Museen Berlin-Dahlem, Lansstrasse 8, bis 28. Mai. Di-So 10-18 Uhr. Begleitbuch: 660 S., 30 Euro