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| 01:37 Uhr

Görlitz: Kate Winslet dicht auf den Fersen

Görlitz. Heidelberg liegt in diesen Tagen an der Neiße. Noch bis zum Montag dreht Hollywood-Regisseur Stephen Daldry in Görlitz das Nachkriegs-Drama "Der Vorleser". Kate Winslet, Ralph Fiennes und weitere Filmstars versetzen die Ostsachsen in helle Aufregung. Elke Binas

Kaum auszudenken, wie viel Wirbel es erst gegeben hätte, wenn Nicole Kidman gekommen wäre. Aber jetzt hat ja Kate Winslet die Schwangerschaftsvertretung für die weibliche Hauptrolle in „Der Vorleser“ übernommen, und bei den Görlitzern dreht sich alles nur noch um den Star der „Titanic“ . Schon seit Tagen ist die 32-jährige Britin Thema Nummer eins in der Stadt.

Dass sie im „Tuchmacher“ wohnt und sich nicht jeden Abend in ein Nobelhotel nach Dresden ausfliegen lässt, macht ihnen Kate Winslet ebenso sympathisch wie die Tatsache, dass ihr einstündiger Einkaufsbummel – natürlich Schuhe! – am Dienstagnachmittag in einer ganz normalen Leiser-Filiale erfolgte anstatt in einer Luxus-Boutique. So bodenständige Weltstars sind ganz nach dem Geschmack der Lausitzer. Nur eines gefällt ihnen gar nicht: Dass während der Dreharbeiten weder an Kate Winslet noch an einen anderen Hauptdarsteller ein Herankommen ist. Nicht mal aus der Ferne.
„Kein Zutritt zu den Dreharbeiten“ lautet die Devise der Koproduktionsfirma aus dem Studio Babelsberg, und das gilt ohne Ausnahme.

Wer nicht zum Team gehört, hat keine Chance, den abgesperrten Teil der Landeskronstraße betreten zu dürfen. Peter Klimek, der extra aus Dresden gekommen ist, hat es auch probiert. Der Wunsch des 70-Jährigen ist so simpel wie unbescheiden: Ein Autogramm von Kate Winslet hätte er gern. Dafür ist er schon um fünf Uhr morgens aufgestanden, hat sich in den Zug gesetzt und dann leider zum falschen Hotel schicken lassen. Als er das richtige gefunden hatte, war die schöne Kate und mit ihr die gesamte Crew schon am Set. Auch dorthin hat er sich schließlich durchgefragt, aber mit den Sicherheitsleuten an den Zufahrten zum Drehort ist kein Geschäft zu machen. Sie lassen ihn nicht vor, nicht mal auf Sichtweite zu den Darstellern. „Und einfach sagen, man wolle jemanden besuchen, der hier wohnt, kann man auch nur höchstens einmal“ , zeigt sich der Rentner nach stundenlangem Warten resigniert. Sein Autogrammbüchlein, in dem sich schon Bundeskanzler, Olympiasieger, ja selbst Gorbatschow und Muhammad Ali verewigt haben, wird auf der für Kate Winslet reservierten Seite leer bleiben: „Schade“ , sagt er und schiebt für den Weg zurück zum Bahnhof die Mütze tiefer in Gesicht: „Sie wäre mein erster Hollywoodstar gewesen!“

So wenig Kunden wie selten

Der Bäckerladen fast am Anfang des für die Dreharbeiten gesperrten Straßenabschnitts im Gründerzeitviertel sieht in diesen Tagen so wenig Kunden wie selten. „Wir leben ja vom Durchgangsverkehr. Jetzt müssen die Leute sagen, dass sie zu uns wollen, um hinter die Sperre zu kommen“ , bedauert die Verkäuferin Kati Hei mann. Für ein paar Tage sei der Umsatzausfall aber zu verkraften. „Ist doch auch schön, dass durch den Film Görlitz in Hollywood bekannt wird“ , sind sie und ihre Kollegin sich einig. Bereits in den vergangenen Monaten war in der Straße immer wieder mal für den „Vorleser“ gedreht worden, aber diesmal wird alles noch ein bisschen größer aufgezogen: „Die haben ja sogar eine sanierte Fassade bis fast oben wieder grau angemalt, damit das in die damalige Zeit passt!“ Dass ausgerechnet ihre Stadt in ein paar Monaten in den Kinos der Welt zu sehen ist, darauf ist Kati Heimann sehr stolz. „Natürlich werde ich mir den Film ansehen gehen“ , ist sie sich sicher: „Mal sehen, was ich alles wiedererkenne!“

In der Löbauer Straße gleich um die Ecke geht Manfred Schmidt mit verzücktem Blick die Reihe der dort geparkten Autos ab. „Solche Schätzchen bekommt man nicht alle Tage zu sehen“ , strahlt er und zieht den Fotoapparat aus der Tasche. Zwei Ford Taunus verschiedener Baureihen, ein Opel Rekord und ein Olympia, ein Mercedes 180 D und ein VW Käfer – dass er hier die Autos seiner Jugendzeit noch einmal bestaunen und sogar anfassen könnte, das hatte der Görlitzer gehofft und sich deshalb mit dem „Radel“ kurzerhand auf den Weg zum Drehort in die Landeskronstraße gemacht. Doch allzu ausgiebig fällt die Besichtigung der angestaubten Oldtimer nicht aus. Es stehen schon zwei Transporter bereit, die die „Schätzchen“ gleich an den Drehort bringen werden. „Die Winslet fährt bestimmt im Taunus“ , ist sich Schmidt sicher.

Die historischen Autos und rostige Fahrräder sind nicht die einzigen Gefährte, die die Babelsberger Produktionsfirma heranorganisieren musste. Auch Pferdefuhrwerke und alte Lkw gehören zu den mobilen Requisiten im „Vorleser“ . Eine besondere Rolle aber kommt der historischen Straßenbahn zu, dem Arbeitsplatz der Heidelberger Schaffnerin Hanna Schmitz alias Kate Winslet. Aufgetrieben worden war der Oldie bei der Kirnitzschtalbahn in der Sächsischen Schweiz. Innerhalb weniger Wochen wieder flott gemacht, wird sie bei den Dreharbeiten an diesem Wochenende ihren großen Einsatz haben. Dann ist der Set mitten im Stadtzentrum zwischen Postplatz und Theater aufgebaut. Die Verkehrsbetriebe stellen dazu für drei Tage ihren gesamten Fahrplan um, und neben den großen Stars werden bis zu 200 Kleindarsteller einen Hauch von Hollywood zu spüren bekommen.

Nicht zum ersten Mal

Manch einer von ihnen hat bereits Erfahrung, denn „Der Vorleser“ ist nicht der erste Film, der in Görlitz gedreht wird. In guter Erinnerung ist vielen noch der letzte Hollywood-Dreh, als 2003 für Frank Coracis „Reise um die Welt in 80 Tagen“ die Altstadt Pariser Flair aus Pappmaché verliehen bekam. Michael Mendl und Cosma Shiva Hagen drehten vor zwei Jahren hier den Papstfilm „Woityla“ und Uwe Ochsenknecht verkörperte 2007 in der gleichnamigen Fernsehproduktion Ludwig van Beethoven. Dass die vielen Gesichter der Stadt auch in Zukunft möglichst oft als Filmkulisse entdeckt werden, ist auch der Wunsch der für Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung zuständigen Europastadt Görlitz-Zgorzelec GmbH. „Es muss ja nicht immer gleich Hollywood sein“ , gibt sich Pressesprecher Kai Grebasch nur auf den ersten Blick bescheiden: „Auch in Deutschland werden viele Filme gedreht. Warum nicht künftig auch immer mehr bei uns?“ „“

zum Buch „Der Vorleser“ : Vom Longseller zum Bestseller
 Der Roman „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink (Jahrgang 1944) erzählt von der Liebesaffäre zwischen einem 15-jährigen Jungen und der über 20 Jahre älteren Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz, deren Vergangenheit als KZ-Aufseherin erst später offenbar wird und in Verbindung mit einer Lebenslüge steht. Das Buch erschien 1995 und wurde mit Übersetzungen in 39 Sprachen einer der größten internationalen Erfolge der deutschen Literatur seit der „Blechtrommel“ von Günter Grass.
Auch in seiner Buchhandlung sei „Der Vorleser“ ein klassischer Longseller gewesen, der sich über viele Jahre stabil verkauft habe, berichtet Bernd Maywald, Filialleiter von „Buch und Kunst“ in Görlitz. Seit bekannt sei, dass der Roman hier verfilmt wird, gehöre er im größten Buchgeschäft der Stadt konstant zu den zwanzig bestverkauften Büchern, so Maywald.
In der Comenius-Buchhandlung am Obermarkt steht „Der Vorleser“ schon seit mehr als zehn Jahren an der Spitze der Verkaufszahlen, auch wenn die jetzt auch hier noch einmal kräftig nach oben gegangen sind. „Eine Kollegin war von der Geschichte so fasziniert, dass wir sie immer empfohlen und entsprechend gut verkauft haben“ , erzählt die Buchhändlerin Andrea Lampke. Dass das Buch jetzt gewissermaßen in die Stadt seiner großen Verehrung zurückkehrt, hält sie für einen „wunderbaren Zufall“ .