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Glaubst du noch an Gerechtigkeit?

Die Initiatoren Anja Panse und Thomas Klatt.
Die Initiatoren Anja Panse und Thomas Klatt. FOTO: Helbig
Cottbus. In der Badewanne beginnt die immerwährende Nacht des Revolutionärs Jean Paul Marat. Seine Verfolgung und Ermordung, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade, wie es in der Inszenierung von Peter Weiss aus dem Jahre 1964 heißt, lassen hier in Cottbus zwei Frauen in einer szenischen Lesung auferstehen. Ida Kretzschmar

Es ist nicht eben leichte Kost, die Dienstagabend zur Premiere der neuen Reihe "Literatur & Debatte" im Cottbuser Kunstmuseum Dieselkraftwerk serviert wird, gibt Thomas Klatt, einer der Initiatoren, zu. Und doch ist das KunstKaffee im dkw. bis auf den letzten Platz gefüllt. Regisseurin Anja Panse, die gemeinsam mit Thomas Klatt und anderen Debattierfreudigen die Reihe aus der Taufe hob, stürzt sich mit der Berliner Schauspielerin Friederike Pöschel mitten in die Wirren der Französischen Revolution.

Das Stück von Peter Weiss, der vor wenigen Wochen 100 geworden wäre, spielt in einer Nervenheilanstalt. Die Akteurinnen lesen nicht nur daraus, sie singen und spielen. Sie sind mittendrin. Anja Panse hat schon einmal die Rolle von Charlotte Corday, die Marat in der Badewanne ersticht, übernommen. Hier aber spricht sie auch für die Abgehängten mit Volkes Stimme: "Und die versprochenen Änderungen wollen wir heute", skandieren die Frauen.

Im Mittelpunkt des Dramas aber stehen zwei unterschiedliche Anschauungen von der Welt. Während Marat der Gesellschaft Moral und Tugend aufzwingen will, für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit die Revolution - blutig, wie sie längst geworden ist - rechtfertigt, resigniert de Sade angesichts der Natur des Menschen, verlacht Marats Ideen und sieht das Heil im Rückzug aus der Gesellschaft. "Du in der Wanne, glaubst Du immer noch, dass Gerechtigkeit möglich ist?" hallt es durch den Raum.

Wobei dieses Regiezepter geradewegs in die Gegenwart führt. So lässt der Disput nach der Lesung nicht lange auf sich warten.

"Lohnt es sich überhaupt noch zu kämpfen, oder zieht man sich lieber zurück?" Diese Frage habe doch sehr viel mit dieser Zeit um sich greifender Utopielosigkeit zu tun. Sie ist es, die Anja Panse überhaupt zu dieser Reihe bewogen hat. "Die Revolution frisst ihre Kinder" macht die Runde. Und jeder steuert dabei so seine eigenen Erfahrungen bei. Ehemalige 68er erzählen von Veränderungen, die sie in der alten Bundesrepublik anstrebten. Ein gebürtiger Forster, Jahrgang 68, schildert den Niedergang der Textilindustrie in seinem Heimatort nach der friedlichen Revolution in der DDR. Wolfgang Rupieper, von 1996 bis 2012 Direktor des Cottbuser Amtsgerichtes, betont die wichtige Errungenschaft, in einem Rechtsstaat zu leben. Michael Apel sieht die Demokratie vor allem von denen bedroht, denen sie gleichgültig ist.

Und so entspinnt sich eine heftige Diskussion, scharf, kontrovers, nachdenklich und klug, unvoreingenommen, auch unbeherrscht zuweilen. Ein Meinungsaustausch, auf den offenbar viele gewartet haben. Nach fast drei Stunden herrscht noch immer Gesprächsbedarf. Waldemar Natke pocht auf den letzten Satz des Weiss-Stückes: "Wann werdet ihr sehen lernen?"

Die Reihe "Literatur & Debatte" wird am 11. April, 19 Uhr, im dkw. fortgesetzt. Oscarpreisträger Urs Rechn liest aus "Mein Leutnant".