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"Glauben! Lieben! Hoffen!" – mit Vergnügen

Ein musikalisches Familienfest mit (v.l.) Heidrun Bartholomäus (Oma), Roland Schroll (Freund), Ariadne Pabst (Tochter), Kristin Muthwill (Schwester), Kai Börner (Vater) und Thomas Harms (Onkel); (hinten stehend) Sigrun Fischer (Mutter).
Ein musikalisches Familienfest mit (v.l.) Heidrun Bartholomäus (Oma), Roland Schroll (Freund), Ariadne Pabst (Tochter), Kristin Muthwill (Schwester), Kai Börner (Vater) und Thomas Harms (Onkel); (hinten stehend) Sigrun Fischer (Mutter). FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Ein musikalisches Familienfest gab am Freitagabend am Staatstheater Cottbus den Auftakt in die neue Spielzeit. Das Schauspielmotto "Glauben! Lieben! Hoffen!" schwelgte und vibrierte in Liedern, Chansons und Rocksongs. Ida Kretzschmar

"What a wonderful world” tönt die nie verwelkende Hoffnung über den Cottbuser Schillerplatz, der das Staatstheater in ein sanftes Feuerwerk taucht. Ein strahlendes Finale zu einem wahrhaft glanzvollen Spielzeitauftakt.

"Glauben! Lieben! Hoffen!" ist das Schauspielmotto dieser Spielzeit, das in einer Uraufführung von Matthias Messmer, Hans Petith und Bettina Jantzen als musikalisches Familienfest gefeiert wird. Einmalig zum Premierenabend aber erweisen ihm vorab zum Start in die neue Theatersaison alle Sparten ihre Reverenz im Großen Haus. Mitglieder des Philharmonischen Orchesters jazzen vom Balkon. Der Opernchor wartet mit Dvoraks "Gesängen aus Mähren" auf. "Kann denn Liebe Sünde sein? fragt Heiko Walter im Kuppelfoyer. Nicht weit davon entfernt bringt in einem Disput zwischen Kirche, Kunst und Psychologie die Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Cottbus Ulrike Menzel alles auf einen Punkt mit der Frage: Woran hängt mein Herz?

Dennis Ruddock und Stefan Kulhawec verschmelzen in einem Tango zwischen Feuer und Eis. Lyrisch stimmen Schauspieler im zweiten Rang auf ihre Schauspielvorhaben ein. Dann ist die Bühne frei für die erste Neuinszenierung der Saison.

Familienleben in der Schräge

Geburtstag. Hochzeit, Einschulung, Weihnachten und Trauerfeier. Szenen aus dem Familienleben in einem Wohnzimmer, das von Gundula Martin absichtsvoll in die Schräglage katapultiert wurde (was sich am Sonntag noch einmal für die Spanische Fliege bestens nutzen ließ). Sparsam eingerichtet, spielt sich vieles wie überall vor allem auf dem heimischen Familiensofa ab. Das vor allem verlassen wird, um zu tanzen und zu feiern, wie es in Familien eben so üblich ist. Und bei solchen Festen, das kennt jeder, kommt irgendwann ans Licht, was wir glauben, was wir lieben, worauf wir hoffen. Und so brechen auch bei diesem musikalischen Familienfest anfangs etwas zögerlich, aber zunehmend heftiger, funkelnder, herzerwärmender und leidenschaftlicher, all die verborgenen Gefühle und Widersprüche im Zusammenleben in widersprüchlicher Zeit auf.

Songs von bekannten Ohrwürmern bis brandneu, von Ost bis West, haben Regisseur Matthias Messmer, Schauspielkapellmeister Hans Petith und Dramaturgin Bettina Jantzen zu einer Familiengeschichte verknüpft, in der Schauspieler nicht nur überzeugend Familie spielen, sondern (mitunter noch kaum geahnte) bemerkenswerte sängerische Qualitäten präsentieren. Zudem wird in stimmigen Kostümen von Susanne Suhr mit den Knien geschlenkert, gerockt und getanzt, dass es eine Lust ist, fein choreografiert von der gebürtigen Cottbuserin Gundula Peuthert.

Ariadne Pabst schlüpft in die Rolle der Tochter, die sich am liebsten selbst ablichtet. ("Ich mache tierisch gerne Selfies"). Ihre Tante (Kristin Muthwill) lebt mit "Lieber Orangenhaut" ihren Neid aus. Und die Großmutter erinnert sich: "Mit 17 hat man noch Träume". Heidrun Bartholomäus' raut mit ihrer Jazzstimme den alten Schlager so auf, dass sich selbst bei den erstaunlich vielen Jungen unter dem Premierenpublikum Rückenschauer einstellen. Sie vermag alles: besinnungslos feiern und sich besinnen - laut und leise. Als Rockröhre kann sich ihrem "Come together" schließlich niemand entziehen. Unvorstellbar das Cottbuser Theaterensemble, ohne ihre unvergleichliche Stimme und ihr facettenreiches Spiel.

Auch Kai Börner zeigt sich herrlich vielschichtig in den verschiedensten Songs und Situationen. Als Vater beschwört er die Vergangenheit herauf und rockt sich mit "Dont'n stop me now" die Seele aus dem Leib. Damit hatte er einst der Mutter (Sigrun Fischer, sinnlich, tough, hemmungslos überschäumend mit kraftvollem Gesang) einen Heiratsantrag gemacht, sodass diese vergaß, mit einem anderen "Auf der Wiese" gelegen zu haben.

Tolle Ensembleleistung

Mittendrin köstlich komödian tisch Thomas Harms, der sich, vom Publikum immer wieder angefeuert, als Onkel dem Feiern allzu sehr zugeneigt zeigt und inmitten weihnachtlichen Übermaßes beschließt, sein Leben zu ändern. Und da ist auch noch Roland Schroll, bis 2012 am Staatstheater engagiert und nun als Freund der Tochter (leider nur) in einer Gastrolle, die die Familie ganz schön durcheinanderbringt. Denn der Freund bringt eine fremde Kultur ins Haus, rappt wie der Teufel und "will nur noch kurz die Welt retten".

Insgesamt eine tolle Ensembleleistung mit vielen Farben. Mit viel Humor, aber auch viel Nachdenklichkeit, wunderbaren Chansons, Liedern und hartem Rock von einer Live-Band und einigen der besten Sänger des Schauspielensembles hingebungsvoll vorgetragen. Das Cottbuser Publikum, vollgesogen mit Glauben, Liebe und Hoffnung, wollte gar nicht mehr aufhören mit Klatschen, wohl noch (Onkel) Harms' Stimme im Ohr, die da flehte: "Jeder braucht Einen, der einem sagt, dass man toll ist ".

Für den Vorstellungsbesuch "in Familie", mit Verwandten, Freunden und Bekannten, bietet das Staatstheater ein Familienpaket an: Wer zwei Karten zum vollen Preis kauft, kann bis zu drei weitere Besucher zum ermäßigten Preis mitnehmen.

Für die Vorstellungen am 22. Oktober und 4. November, jeweils 19.30 Uhr, 25. November, 19 Uhr, und 8. Dezember, 19.30 Uhr, sind Karten erhältlich im Besucherservice, Ticket-Telefon: 0355/ 78242424, sowie

www.staatstheater-cottbus.de