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| 19:16 Uhr

Konzert & Lesung
Lustvolle Liebeserklärung an das Leben

Stille Zwiesprache: Gisela Steineckert und Jürgen Walter am Sonntagabend in der voll besetzten Kammerbühne.
Stille Zwiesprache: Gisela Steineckert und Jürgen Walter am Sonntagabend in der voll besetzten Kammerbühne. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Gisela Steineckert und Jürgen Walter behaupten in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus: „Alles kommt wieder“. Von Ida Kretzschmar

Eine fast Hundertjährige ist zum Fenster reingeklettert, um drinnen ja nichts zu verpassen. Mit dieser hintersinnigen Anspielung an den Bestseller von Jonas Jonasson „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ macht Gisela Steineckert, die gerade 87 geworden ist, gleich zu Beginn dieses feinsinnigen und gleichzeitig humorvollen  Abends klar: Hier geht um „Leben bis zum Grund“, wie auch der 74-jährige Pop-, Schlager- und Chansonsänger Jürgen Walter leidenschaftlich in einem der Lieder verspricht.

„Mehr als 50 Jahre erweist er mir die Ehre, Lieder für ihn zu schreiben. Mehr als 50 Jahre hat er mir die Ehre erwiesen, sie zu singen“, beschreibt die Lyrikerin und Songtexterin eine Beziehung, die schon spürbar wird, als beide Hand in Hand die Bühne betreten.

In jungen Jahren waren sie einmal miteinander liiert, was ihrer Freundschaft nicht geschadet hat. Heute genügt ein Blick, um einander zu verstehen, zu wissen, was man braucht – und was eben nicht „Wozu brauch ich das?“ singt er dann auch einen Song aus seinem jüngsten Album „Alles kehrt wieder“, in dem er die „Spasss“gesellschaft infrage stellt, „wo nur Reich- und Schönsein zählt, wo’s an Wärme fehlt...“, und die Steineckert frech ein Wort wie Schisslaweng erfindet.

Später wird sie sagen, dass auch andere Worte wieder gebraucht werden, die keiner mehr so richtig kennt: Solidarität zum Beispiel.

Die Kompositionen für das neue Album des sprachbegabten Sängers stammen unter anderen von Andreas Bicking, Wilfried Peetz und Ulli Schwinge. Die Steineckert-Texte aber sind so, als könnte sie direkt in des Sängers Seele schauen und auch ein wenig in die Seele der Zuhörer. Denn eigentlich ist es nichts anderes als das ganz normale Leben, das sie beschreibt, das hier besungen wird.

„Es sind die Bilder aus dem eigenen Leben, die man nie vergisst“, ruft Jürgen Walter in Erinnerung. Und längst Vergessenes ist auf einmal wieder da. „Kein Zorn und kein Altar...was unser Leben war“, rät die Poetin zur Behutsamkeit. Wobei sie weiß: „Das Unverzeihliche und das Unverziehene unterliegen nicht der Gnade des Vergessens“. Das hat sie vor ihrem 75. Geburtstag geschrieben. Als Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst stand sie nach der Wende auch in der Kritik, weil sich mancher ungerecht behandelt fühlte.

Mehr als 50 Bücher und an die 2000 Songtexte stammen aus ihrer Feder. Unsterblich nicht nur dieser „Clown sein“ für Jürgen Walter, sondern auch „Als ich fortging“ für Dirk Michaelis.

Unnachahmlich vermag sie, das Schöne an den Frauen, den Männern und der Liebe zu preisen. Und sie versteht es wie kaum eine andere, Hoffnung und Gelassenheit zu stiften.

„Alt genug, um jung zu bleiben“, hat sie nicht nur einen Prosaband überschrieben. Dieses Gefühl verbreitet sie auch an diesem Abend.

Ein todsicheres Rezept hat die Steineckert dafür in petto, am Leben zu bleiben, auch wenn man selbst nicht weiter weiß: „Atme“, rät sie so eindringlich, das die Kammerbühne durchzuatmen scheint. Und so fühlen sich alle für Augenblicke gemeinsam mit der Dichterin und dem Sänger „Jung genug für jeden Übermut“. Und sie glauben „Es tut nicht mehr weh“, um allerdings von der Wortkünstlerin eines Besseren belehrt zu werden.

Es sind nicht nur lustvolle Liebeserklärungen an das zurückliegende Leben, die hier verbreitet werden. Die Berliner Schriftstel lerin hat auch sehr gegenwärtige Texte mitgebracht, die mit feinem Humor Nachdenken provozieren über Russland, Heimat, Fremde, einen Präsidenten und eine geklaute Unterhose...

Ein anrührender, stiller Abend, der weise, wach und warmherzig vieles aufrührt und umrührt, was längst verschüttet schien und den Blick schärft für das Heute.

Trotz alledem: „Das Leben hat was...“