Um es gleich vorweg zu sagen: Das, was zu sehen und zu hören war, übertraf alle Erwartungen, die man an ein mittelgroßes Haus wie Cottbus zu stellen auch nur gewagt hatte.

Zum einen fand GMD Evan Christ, als Grundlage des musikalischen Furors an diesem Abend, immer wieder genau den erregten Ton der italienischen Romantik. Es gelang ihm, den Klangcharakter jeder Situation sofort zu erfassen: knallend militant der Tonfall des ersten Auftritts, ahnungsvoll eingedunkelt die Klangfarbe der Szene Lucias und ihrer Zofe Alisa an der Quelle, aufgewühlt rauschend die Gewittermusik.

Zum Zweiten trugen das Orchester und Evan Christ die Solisten gleichsam auf Händen durch ihre enorm schwierigen Partien.

Das Nebel dampfende Schottland, seine uralten Adelsgeschlechter und deren blasse Frauen waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts extrem in Mode. Walter Scotts Romane wurden verschlungen und in Dramen und Opern verwandelt. "Die Braut von Lammermoore" erlebte diverse Vertonungen. Bei Gaetano Donizetti und Salvatore Cammarano erscheinen dabei die Männer als das Böse schlechthin, während Lucia als Persönlichkeit so wenig ins Gewicht fällt, dass sie sogar nach einer Mordtat als unschuldiger Engel wahrgenommen wird. Edgardo und Lucia lieben einander. Leider herrscht zwischen beiden Familien eine Erbfeindschaft.

Der Untreue beschuldigt

Als Lucias Bruder Enrico in Schwierigkeiten gerät, soll ihn Lucia durch eine reiche Heirat retten. Enrico erpresst seine Schwester seelisch und fälscht mithilfe eines Vasallen Edgardos Liebesbriefe, sodass Lucia denkt, er sei treulos. Als auch noch der Schlosskaplan Lucia einredet, ihrem Bruder helfen zu müssen, heiratet sie den ungeliebten Arturo. Während der Trauungszeremonie erscheint Edgardo und beschuldigt Lucia, ohne irgendetwas zu fragen, der Untreue und verlässt sie. In der Hochzeitsnacht tötet Lucia den Bräutigam und verfällt dem Wahnsinn. Edgardo sieht in der Toten nun einen Engel und tötet sich, um ihr endlich nahe zu sein. Enrico hat alles verloren.

Der Chor, die Solisten, die Musiker und auch der Regisseur Hauke Tesch hatten indes alles gewonnen; langen Jubel und standig ovations.

Schnörkellos, kitschfrei und auch fern von unfreiwilliger Komik, die ein romantisches Stück mit Selbstmord und Wahnsinn gern heimlich einschleust, hat Hauke Tesch die Darsteller geführt. Die großen Emotionen werden groß gespielt, dennoch hat jeder Raum und Ruhe für den Gesang. Die Chorherren entfalteten in den Soldatenszenen eine martialische Klanggewalt; gemeinsam mit den Frauenstimmen tönten "Ritter und Edeldamen" homogen, intensiv und genau. Obwohl die Aufführung als "semiszenisch" angekündigt war, sprudelte der Opernchor auch diesmal vor Spielfreude.

Das Defilee der maskulinen Bosheit begann mit Hardy Brachmann als diensteifrig hell tönendem Hauptmann Normanno. Sein Herr ist Enrico, Lucias deutlich älterer Bruder. Jacek Strauch sang ihn mit grandiosem Bariton. Sein Rachegesang gegen Edgardo drohte fast das Cottbuser Theater zu sprengen. Strauchs Stimme ist derart klangreich und präsent, dass er sich selbst im Zorn ein paar leisere Töne hätte leisten können. Ihm steht ein schlackenloses Legato zu Gebote, Spitzentöne packte er herzhaft an.

Wahre Herzenstöne

Jens Klaus Wilde, der Tenor für die gebrochenen, zuinnerst verunsicherten Opernhelden, hatte mit dem jugendlich blinden, krankhaft eifersüchtigen und schließlich verzweifelt liebenden Edgardo genau die richtige Rolle. Die großen lyrischen Strecken seiner Partie klangen einfach balsamisch und mittels guter Technik kam er auch über entlegenere Höhen.

Die Primadonna Assoluta des Abends war Cornelia Zink. Was sie sang, war atemverschlagend. Ein lyrischer Sopran kam zum Vorschein, dem wahre Herzenstöne möglich sind, der aber noch die helle Leichtigkeit hoher und heiterer Partien hat. Schon ihre erste Arie vereinte Innigkeit mit perfekt beherrschter Technik. Es war sofort zu hören, wie intensiv und erfolgreich sie die Partie der Lucia vorbereitet hat.

Cornelia Zinks Lucia ist ein romantisches junges Mädchen, das sich auf seine Liebe freut, die kein tragischer Charakter ist, sondern der Grausames angetan wird. Entsprechend gestaltete sie den Glanzpunkt ihrer Rolle, die berühmte Wahnsinnsarie. Es klang, als spielte sie mit den himmelhohen Tönen wie die Puppe Olympia, als fiele sie kunstvoll stammelnd zurück in die Kindheit, in der man für nichts verantwortlich ist. Cornelia Zink schaffte so über die außerordentlichen stimmlichen Anforderungen hinaus noch ein ausgeprägtes Rollenporträt ihrer Heldin.

Nur einer hätte ihr fast noch die Show gestohlen: der famose Philipp Marguerre an der Glasharmonika. Auf der Bühne platziert, geleitete dieses exotische Instrument mit seinen schneidend schönen Tönen Lucia in die Tiefen der seelischen Nacht.