Für die Vermittler der Arbeitsagentur wäre Gevatter Tod ein Traumkunde. Schließlich ist der knochige Geselle vielseitig einsetzbar, ob als Prediger auf der Kanzel, als Kahnfährmann, Maler oder Leichenkutscher. Besonders vorzüglich macht er sich als Mediziner, wie die Abbildung „Der beste Arzt“ beweist - seine Kur befreit den Kranken endgültig von seinem Leiden.
In der Freizeit ist der Tod ebenfalls umtriebig: Wir sehen ihn als Schlittschuhläufer, kokett posierend beim Fotografen, auf dem Lotterbett eines Bordells eine Dirne anhimmelnd. Der düstere Meister ist immer im Dienst.

Vom Unheimlichen besessen
Alfred Kubin (1877-1959) war von Tod, Krankheit und dem Unheimlichen geradezu besessen. Albträume, Zwangsvorstellungen und Depressionen plagten den österreichischen Grafiker fast zeitlebens. Auf über 20 000 Bildern zeichnete er sich seine Fantasien von der Seele. Die Produkte dieses manischen Schaffens beeindruckten zahlreiche Künstlerkollegen. Schriftsteller wie Franz Kafka und Ernst Jünger zeigten sich fasziniert von Kubins einzigem Roman „Die andere Seite“ (1909). Einem breiten Publikum ist der Österreicher vor allem wegen seiner Illustrationen der Erzählungen Edgar Allan Poes und E.T.A. Hoffmanns bekannt.
Die rund 90 Lithografien und Zeichnungen Kubins, die bei der BASF in Schwarzheide (Kreis Oberspreewald-Lausitz) ausgestellt sind, schlagen den Bogen von 1903 bis 1947, also vom Früh- zum Spätwerk des Künstlers, darunter befinden sich Arbeiten aus zwei „Totentanz“ -Serien, deren inhaltliche Spannweite eingangs angedeutet wurde.
Alle Blätter stammen aus der Sammlung Otto Mauers, eines katholischen Geistlichen mit einem Faible für moderne Kunst. Monsignore Mauer (1907-1973) war mit Alfred Kubin befreundet, dessen Werke machen den umfangreichsten Teil seiner Kollektion aus. Der Kirchenmann kannte offenbar gegenüber abgründigen und pessimistischen Inhalten keine Scheu - Kubins permanentes „Memento mori“ ( „Bedenke, dass du sterben musst“ ) dürfte im Sinne des Priesters gewesen sein.

Gunther von Hagens ist gruseliger
Einen Gruseleffekt lösen Kubins der literarischen Schauerromantik des 18. und 19. Jahrhunderts entlehnte Todesdarstellungen allerdings nicht aus. Gegenüber der aktuellen Leichenpornografie eines Gunther von Hagens wirken solche Schöpfungen tantenhaft-harmlos. Darüber hinaus gibt es in formaler Hinsicht bedeutendere Kunst. Der von Bosch und Goya inspirierte Kubin verfügte zwar über eine originelle Handschrift und einen guten Strich, ein wirklich genialer Zeichner war er aber nicht - das belegen auch einige unsichere Skizzen, die in Schwarzheide zu sehen sind. Warum sollte Alfred Kubins Werk also noch von Interesse sein?
Als Antwort ist zunächst der bildliche Ideenreichtum des Österreichers zu erwähnen. Reizvoll bleibt auch der grimmige Humor, der in den Grafiken hervorblitzt. Des Weiteren verdient das „Dämonische“ , das der Ausstellung ihren Titel gibt, Beachtung. Der Betrachter findet es allerdings nicht bei den eher ulkigen Skeletten und Sensenmännern, sondern bei anderen, namenlosen Monstern, die der Künstler aus seinem Unterbewusstsein ans Licht gezerrt hat. Dämonen lauern auch in Landschaftsdarstellungen und Wirtshausszenen, sie prägen vor allem das Menschenbild.
Kubins Drucke und Zeichnungen sind von einer bösen, menschenfeindlichen Luft durchweht - das könnte der Grund gewesen sein, warum Otto Mauer gelegentlich doch theologische Vorbehalte gegenüber dem Künstlerfreund zur Sprache brachte.

Prophezeiung des Massenmordes
Abschließend soll auf die visionäre Kraft hingewiesen werden, die Kubins Werke auszeichnet. Der Künstler pflegte keineswegs nur seine persönlichen Neurosen, die typisch-krankhaften Symptome verdrängter Sexualität des Fin-de-Siècle-Menschen. Alfred Kubin besaß ein sensibles Gespür für untergründige gesellschaftliche Stimmungen. Er hat die blutige Botschaft der Zukunft als einer der Ersten entziffert. Massensterben und Massenmord sind prägende Themen gerade seines frühen Schaffens. Auf der Litografie „Des Menschen Schicksal“ von 1903 harkt eine verhüllte Frauengestalt die Menschheit mit einem Rechen in den Abgrund. „Der Krieg“ aus dem gleichen Jahr nähert sich als barbarischer Kämpfer mit Schlachtermesser und Elefantenfüßen.
Kubins Gevatter Tod ist also - trotz Flatterumhang und Klappergebein - kein altmodisches Überbleibsel der Gespenstergeschichten der Vergangenheit. Er war der größte Showmaster des 20. Jahrhunderts. Und auch heutzutage gibt es für ihn allerhand zu tun.

Die Ausstellung „Das Dämonische bei Alfred Kubin“ ist bis zum 2. November täglich von 12 bis 18 Uhr bei der BASF Schwarzheide GmbH in der Schipkauer Straße 1 zu sehen.