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| 01:00 Uhr

Getragen von lebendigem musikantischen Gestus

Das Programm des Sinfoniekonzerts am Staatstheater Cottbus versprach reinste Romantik, weit entfernt von vorweihnachtlichem Klingeling. Felix Mendelssohn Bartholdys einziges Violinkonzert war angekündigt und die „Rheinische“ Sinfonie von Robert Schumann. Von Irene Constantin

Karl Amadeus Hartmanns 4. Sinfonie für Streichorchester leitete den Abend ein. Dieses Werk gehört zu haben, ist ein großer Gewinn. Karl Amadeus Hartmann (1905-1963) war ein politischer Gegner der Nazis. Er emigrierte nicht, zog sich aber gänzlich aus dem öffentlichen Musikleben zurück. Seine Kompositionen, in Deutschland nicht, im Ausland kaum aufgeführt, waren unüberhörbare Bekenntnisse gegen den Terror.
Nach 1945 vermied Hartmann die unmissverständliche Deutlichkeit politischer Aussagen in seiner Musik. Die Kunst sollte autonom, durch sich selbst wirken. Die meisten seiner zwischen 1933 und 1945 entstandenen Werke überarbeitete er. Dennoch ist in der 4. Sinfonie ein Bekenntnis zur Humanität unüberhörbar.
Eine ernste und noble Melodie der 1. und 2. Violinen unisono leitet das Werk ein. Aufgeregte Schläge und Figuren der Bässe, ein bedrohliches Tremolo der Bratschen stellen sich dagegen, die Melodie schraubt sich in die Höhe, bis beruhigend und tröstend die Solovioline erklingt. Diese Auseinandersetzung melodischer Linien mit bedrohlichen und gefahrbringenden Gegenfiguren zieht sich als Grundmotiv durch das gesamte Werk.
Die Streicher des Philharmonischen Orchesters demon strierten vor allem ihre Fähigkeit, ausdrucksvoll zu musizieren. Süße und seidiger Klang waren in diesem Werk nicht gefordert.
Umso ausgiebiger glänzte der Solist des Mendelssohn-Konzertes, Ilya Konovalov mit dieser Qualität. Der gebürtige Sibirier, Schüler des legendären "Geigermachers" Sachar Bron, ist der Konzertmeister des Israelischen Philharmonischen Orchesters. Seiner Interpretation des e-moll-Violinkonzertes hörte man die Disziplin des Orchestermusikers an. Keinerlei rhythmische Variationen, winzige Atempausen, Verzögerungen, kein bewusstes Anspielen von melodischen Höhepunkten störten den metronomisch perfekten Ablauf der Musik. Das Tempo gab der Solist so flott vor, dass es in den ersten Takten sogar zu einigen Koordinationsproblemen zwischen ihm und dem Orchester kam.

Mozartisch klassische Weise
Mendelssohn, der gleichzeitig als Romantiker und Klassizist gilt, wurde von Konovalov dem Publikum sehr eindeutig in mozartisch klassischer Weise vorgestellt. Vor allem dem innigen, romantischen Impulsen folgenden Kantilenen des zweiten Satzes wurde damit fast alles von ihrer Ausdruckskraft entzogen, während die Virtuosität des Schlusssatzes in dieser Spielweise begeisterte. Der makellose Wohlklang von Konovalovs Bogentechnik war tatsächlich einmalig und faszinierend.
Es war ein Musizieren, wie man sich eigentlich Arbeitsabläufe wünscht: sachlich, geschmeidig, freundlich und zielstrebig.

Szenen eines Films
Im zweiten Teil folgte Robert Schumanns Sinfonie Nr. 3 Es-Dur (Rheinische) als Höhepunkt des Programms. Wenngleich vom Komponisten nicht als Programmmusik gemeint oder gar angekündigt kann man die Sinfonie doch so hören. Die Interpretation von Generalmusikdirektor Reinhard Petersen legte es in ihrer Farbigkeit und ihrem Kontrastreichtum offenbar gerade darauf an. Szenen eines Films rollten vor dem inneren Auge des Hörers mühelos ab.
Der festlich glanzvolle, lebhafte 1. Satz malt ein Bild der grandiosen Flusslandschaft, wie es sich dem Reisenden noch heute im berühmten Rheintal bietet. Dass gerade der Rhein für das deutsche Nationalbewusstsein des 19. Jahrhunderts eine fast mythische Rolle spielte, komponierte Schumann seiner Sinfonie ebenfalls ein.
Nach der Ländler-Szene des 2. Satzes erklingen immer wieder altmeisterlich fugierte Passagen, der feierliche 4. Satz klingt mit seinen Blechbläserchorälen wie eine Hommage an den gewaltigen Kölner Dom, während sich der Rheinländer als solcher im ersten Teil des Finalsatzes feiern kann.
So klar strukturiert und dabei doch von lebendigem musikantischen Gestus getragen wie in dieser Sinfonie, hört man die Cottbuser Musiker selten. Ein paar seltsame Töne des wahrlich hoch geforderten 1. Hornisten verzeiht man bei derart erfreulichem Musizieren gern.