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Getanzte malerische Delikatessen

Stefan Kulhawec, Greta Dato und Joe Monaghan (von vorn nach hinten) in "Picasso!"
Stefan Kulhawec, Greta Dato und Joe Monaghan (von vorn nach hinten) in "Picasso!" FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Wie zwei Teile eines Ballettabends konträrer kaum sein können und dennoch unter einer Klammer firmieren, bewies am Samstag die umjubelte Premiere am Staatstheater Cottbus. Dabei erzählt "Picasso!" nicht etwa die Lebensgeschichte eines Jahrhundertkünstlers nach. Volkmar Draeger

Vielmehr ließ sich Choreograf Lode Devos von der Entwicklung des Spaniers Pablo Picasso im Pariser Ambiente des vorvergangenen Jahrhunderts hin zum genialen Maler, Zeichner und Plastiker anregen. Dessen zahllose Liebschaften, biografisch bekannt, dienen allenfalls als Musenschübe zum Entstehen neuer Werke. Dass sich Picassos Wegsuche in verschiedene Perioden teilt, macht sich der Belgier Devos schon eher zunutze. So beginnt "Picasso!" mit einem 40-minütigen Defilee malerischer Delikatessen, umgesetzt in tänzerische Bewegung.

Eine Frau im blauen Langkleid steht wie ein Monument und leitet mit den Schwüngen von Tuch und Körper die blaue Periode des Künstlers ein, ringt stellvertretend für ihn mit dem Material, bis sie auf ihrem Tuch wie auf einer Farbbarke von zwei Männern abgezogen wird. Nacheinander, bisweilen nebeneinander tanzen vier Paare so harmonisch, wie man Devos' Bewegungslyrik aus seiner Cottbuser Vorgängerkreation "Das Bildnis des Dorian Gray" kennt: Ertrinken könnte man in Sanftmut und Schönheit, den Schwebehebungen, Rücken-an-Rücken-Posen, Partnerschleudern. Picasso, dafür steht der Tanz, hier noch eher in klassischer Manier malend, doch bereits tastend nach einer anderen Formensprache. Noch begleitet auch melodische Musik das Geschehen, Violinkonzerte von John Taverner, Philip Glass, Ralph Vaughan Williams. Als ein Pierrot und ein Artist einbrechen, manifestiert sich Picassos Begeisterung für den Zirkus, in einer abstrakteren Formensprache wie in hier bunten Kostümen von Ausstatterin Anne-Frédérique Hoingne. Doch schon kündigt sich ein weiterer Wechsel auf Picassos Weg an: die Hinwendung zum Kubismus, der die Gegenstände in ihre Einzelteile zerlegt und zu künstlerischen Einfallsgebilden neu fügt. Choreografisch finden sich die Tänzer in Kostümen mit geometrischen Mustern zu wundersam verschränkten Körperbildern, mit spitz aufragenden Armen und Beinen. Ein Paar mit je einem blauen Arm stellt die Verbindung zum Ursprung der bildnerischen Suche her. Bewegungen vereinen sich wie Farbtupfer zu einem künstlerischen Ganzen. Das geht hektischer vonstatten, so wie John Cage und sein präpariertes Klavier sowie Pierre Boulez' "Messagesquisse" die Tänzer antreiben. Zum geschäftigen Schluss mischen sich die Perioden.

Der Teil nach der Pause zitiert eines der berühmtesten Gemälde des Meisters. Das Panorama "Guernica" von 1937 reagiert auf die Zerstörung eines baskischen Dorfes durch Nazibomber - beredte Anklage von Krieg. Devos und sein Szenograf Hans Holger Schmidt verengen dafür die Bühne zum beklemmenden Kerker mit Wandprojektionen. Neun Menschen irren, durch raffiniertes Licht wie in abstrakte Streifen zerlegt, angstvoll umher, begehren auf, bäumen sich gehetzt, stürzen, versuchen auszubrechen und enden doch an einer der Wände. Exemplarisch artikuliert ein Paar individuelles Leid. Gepeitscht wird all die Pein von Krzysztof Pendereckis 1. Sinfonie aus Schüssen, grellem Blech, Sirenen, schmerzenden Bogenstrichen, Jaulen, Trommelkaskaden. Den Boden bedeckt Staub, den die Tänzer zu Häufchen scharren, Heimaterde oder Grabhügel. Im Finale des stürmenden Infernos knien alle bis auf einen Stehenden: Denkmal ihrer selbst und Mahnmal, keinem Demagogen mehr solch Desaster zu gestatten. Ein frommer Wunsch angesichts weltweiter Kriege - und dennoch notwendig. Auch auf diesem Feld schlagen sich die Cottbuser Tänzer bravourös!

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Zum Thema:
Fritz Dallmann(80), Cottbus: Die Choreografie trifft einen Nerv, die Tänzer beweisen wieder einmal ihr Format.Maja Dähn(59), Potsdam: Das Thema Picasso ist faszinierend, die Umsetzung fantasievoll gelungen, die Leistung der Tänzer beeindruckend. Chapeau! André Doberan (49), Cottbus: An wenigen Phasen wird hier Picassos Schaffen deutlich, wie ich es im Museo Picasso Málaga gesehen habe. Die Tänzer strahlen dabei so viel aus!Anna Tydykova (10), Cottbus: Ich fand das sehr spannend, auch von der Musik her, und so unterschiedlich, wie ich es nicht erwartet hatte. Die Frauen haben mir sehr gefallen und auch die Kostüme.