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| 09:09 Uhr

Gestrandete Liebe

Ian McEwans bittere Verpassensgeschichte "Am Strand" mit Saoirse Ronan. Dorothee Krings

Liebe hat die Kraft, soziale Klassen zu überwinden. Es ist anrührend, das in der Literaturverfilmung "Am Strand" nach dem Roman von Ian McEwan mitzuerleben. Wie der ungestüme Landlehrer-Sohn Edward nach Oxford kommt und bei einer Versammlung von Friedensaktivisten Florence kennen lernt, eine höhere Tochter im zitronengelben Sommerkleid, die etwas Ernstes im Gesicht hat, das Edward gefällt. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Und tiefes Verständnis und Zutrauen auf den zweiten. Die beiden sind übermütig, verschwörerisch, zärtlich, und so kann Edward aushalten, dass er in Florences snobistischer Upper-Class-Familie von oben herab behandelt wird. Und Florence findet eine unverkrampfte Art, mit Edwards Mutter umzugehen. Die hat bei einem Unfall eine Gehirnverletzung erlitten, lebt seitdem in ihrer eigenen Künstlerinnenwelt, und das Haus der Familie versinkt in malerischem Chaos.

Florence und Edward kann das alles nichts anhaben, sie sind einander ja gewiss - bis zum Tag ihrer Hochzeit. Nach der Feier fahren sie an die Küste von Dorset, und die Hochzeitsnacht schickt so viel Beklemmung voraus, dass selbst Chuck Berrys "Roll over Beethoven" die beiden nicht entkrampfen kann.

"Am Strand" ist einer der bittersten Romane des Bestseller-Autors Ian McEwan. Denn er beschreibt darin mit sanfter Unerbittlichkeit, wie zwei Menschen von den Verklemmungen ihrer Zeit und den Verletzungen ihrer Kindheit eingeholt werden. Das Glück erscheint ständig in greifbarer Nähe, doch bleibt es unerreichbar für zwei Liebende, die sich von ihren Ängsten und Kränkungen gefangen nehmen lassen. So geschehen Dinge, werden Sätze gesprochen, die sich nicht ungeschehen machen lassen - und ausstrahlen auf ein ganzes Leben.

Die Irin Saoirse Ronan hat schon als Teenager in einer Ian-McEwan-Verfilmung mitgespielt und für ihre unheimliche Eindringlichkeit in "Abbitte" eine Oscarnominierung erhalten. Gerade zeigt sie auch als rebellische Tochter in Greta Gerwigs "Lady Bird", wie bezwingend sie sich in ihre Figuren verwandelt. Auch als Florence trifft sie den Ton, ist einerseits die selbstbewusste, kluge Frau, die den Dünkel ihrer Familie durchschaut und sich ganz auf die Liebe zu Edward einlässt. Doch lebt sie in den 60er Jahren eben noch in einer Zeit, da bestimmte Dinge nicht angesprochen werden - nicht mal vor sich selbst. Und so können sie zu unbewältigten Traumata werden. Auch Billy Howle ist ein kraftvoller, lebendiger Edward, dem man seine Gefühle abnimmt. Allerdings spielen beide gegen eine betuliche Inszenierung an. Man spürt, dass Regisseur Dominic Cooke sonst am Theater inszeniert, jede Szene ist bei ihm ein überdeutlich arrangiertes Kammerspiel. Wenn das frisch verheiratete Paar etwa von feixenden Kellnern im Zimmer bedient wird, zeigt die Kamera immer wieder die verkrampften Hände und Füße von Florence, während sich Edward über dem Tisch durch stammelnde Monologe kämpft. Andeutungen hätten da mehr Beklemmung erzeugt, aber auch so ist diese Geschichte einer verhinderten Liebe herzzerreißend.

Am Strand, GB 2018 - Regie: Dominic Cooke, mit Saoirse Ronan, Billy Howle, Emily Watson, 105 Min.