Es war nach der Wiedereröffnung der zweite Abend im fast 100-jährigen, perfekt erhaltenen, dabei aber frisch renovierten Großen Haus des Staatstheaters und das Konzertprogramm korrespondierte mit der alt-neuen Spielstätte. Historisch korrekt ist die Spielweise des Bach Consorts, erfrischend war die Interpretation der überwiegenden Zahl der Stücke und Sätze des Programms.
Das Ensemble musiziert auf historischen Instrumenten. Deren Bauform variiert in mehr oder weniger deutlichen Details gegenüber den modernen Instrumenten. Die Saiten der Streichinstrumente beispielsweise sind aus anderem Material und haben weniger Spannung, die Flöten sind anders gebohrt, die Blechbläser müssen ohne Ventile klarkommen. Die Stimmung historischer Instrumente ist etwa einen halben Ton tiefer als die moderner Sinfonieorchester. Die Instrumentenbauer strebten seit Jahrhunderten danach, immer lautere, brillantere Töne immer leichter spielbar zu machen. Die Originalinstrumente-Ensembles bringen, je nach Besetzung, Momentaufnahmen früherer Entwicklungsschritte zum Klingen.
Wie die alten Instrumente beschaffen waren, wissen die Handwerker, Forscher und Musiker von überkommen Stücken, aus Büchern und von bildlichen Darstellungen. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts erforscht man auch die Spielweise historischer Instrumente. Alle Erkenntnis läuft darauf hinaus, dass man leichter, beweglicher, beredter und mit sehr viel mehr tonmalerischen Effekten musizierte als in der heutigen, von tonnenschwerer Spätromantik dominierten Praxis.
Ob eine solistisch hervortretende Violine beim Klassiker Mozart wirklich erfreut, wenn die Töne fast ohne Vibrato und mit dem leichten Barockbogen erzeugt werden, ist Ansichtssache. Ein strahlend geschmeidiger, "moderner" Ton hat in diesem Fall auch manches für sich. Ganz sicher aber klingt eine Streichergruppe, die in alter Manier auf historischen Instrumenten musiziert, munterer, variabler und meist präziser als üblich. Es scheint, mit jedem neu auftauchenden Motiv wird etwas anderes erzählt. Nicht umsonst spricht man von "Klangrede". Unvorstellbar, dass ein solcher Klang zum Musikmüll der Fahrstuhl- und Restaurantbeschallung mutiert.
In Mozarts Serenata notturna, die das Konzert einleitete, war schon fast alles zu hören, was ein historisch musizierendes Ensemble ausmacht: ein unkitschig trockener Tuttiklang, knackige Paukenschläge, ein außerordentlich spritziger schneller Satz, witzige Klangeffekte und auch die merkwürdige schrille Solovioline.
In Telemanns barockem Concerto für Solovioline und drei Jagdhörner D-Dur erwies sich die historische Spielweise des Streichinstruments als genau richtig. Almut Seidel schmiegte ihren Violinklang perfekt in das Ensemble hinein. Dass ventillose Hörner schwer zu spielen sind, musste Martina Moriabadi in aller Härte durchleiden. Es fielen etliche Töne ihrer virtuosen Partie schlicht durchs Sieb. Wie anders eine Traversflöte der Bachzeit gegenüber der heutigen Querflöte klingt, demonstrierte Ekkehard Kießling in Bachs Brandenburgischem Konzert Nr. 5. Sanft und weich, unaufdringlich und doch subtil sinnlich machte er begreiflich, was sogar ein großer König wie Friedrich II. an diesem Instrument gemocht haben könnte. Cornelia Osterwald, die im Konzert des Bach Consorts Cembalo, Hammerklavier und Orgel spielte, hatte im Brandenburgischen Konzert ebenfalls ihren großen Auftritt. So musikantisch und e ngagiert sie die Soli und die virtuose Kadenz dieses Werkes am Cembalo spielte, widmete sie sich auch den weniger lukrativen Stützakkorden und Begleittönen in den anderen Werken. Man möchte sie öfter hören.
Nach der Pause das Unvermeidliche: die "Kleine Nachtmusik". Das Bach Consort hat dieses universal totgerittene Stück wahrscheinlich deshalb ins Festprogramm genommen, um zu zeigen, dass im Wie der ganze Unterschied liegt zwischen einer heiter intelligenten Abendunterhaltung und zuckersüßem Geleier. Gerade bei diesem Werk schickte das Spiel des Ensembles die Phantasie auf die Reise; man hörte förmlich, wie schön es wäre, würde in dieser Art einmal eine ganze Oper musiziert.
Zum Schluss Mozarts berühmte Soprankantate "Exsultate jubilate" mit Cornelia Zink als Solistin. Es scheint, ihr behagte die etwas tiefere Stimmung des Barockensembles nicht so gut. Sie haderte mit der Mittellage und konnte ihre strahlend sinnlichen Höhen nur punktuell hören lassen. Dies aber ist Mäkeln auf hohem Niveau. Stilistisch stimmte alles. Den reichlich gespendeten Applaus belohnte sie mit einer Zugabe.