Ein Interview mit ihm zu bekommen, ist nur wenig komplizierter als eins mit dem Bundespräsidenten. So kommt unser Gespräch nach höchstens sechsmonatigen Verhandlungen mit dem Management zustande. Berlin, Ifa Sommergarten, Backstage. Eine halbe Stunde Zeitfenster, bevor Unheilig hier das letzte Konzert dieser Tour spielen werden. Vor mir noch ein Interview mit dem Deutschen Fußballbund. Der Zeitplan schleppt. Als ich dran bin, ist der Sommergarten draußen längst voll mit Menschen. Der Graf entspannt: Er legt den Gehrock ab, ordert mehr Kaffee. Er hat bereits reichlich Make-up-Spuren auf dem Hemd Höhe Oberarm; sieht aus, als hätten sich die ersten Fans bereits auf ihm verewigt. Und, ja, er trägt einen breiten Ring. Aber darum soll es nicht gehen: nichts Privates, wir sprechen nur über Musik. Die strengen Richtlinien des Managers. Der Graf empfängt mich:

Graf: Hi. Wo willst du sitzen?

Also wir sagen du und Graf?
Ja bitte, wenn das geht.

Wie geht es dir?
Super. Wieso? Ach wegen dem Hund. Mein Gott, dass das solche Kreise gezogen hat! Ja, mich hat ein Hund gebissen, ein großer Jagdhund. Die Leute sollten doch nur wissen: Wenn ich mal ein Konzert absage, dann gibt es wirklich einen Grund. Dass das in ein paar Stunden halb Deutschland weiß. Ein paar Narben, aber sonst . . . nee, alles gut.

Für das Album "Lichter der Stadt" gab es ja von der Kritik einige Dresche, dass es an den Erfolg von "Große Freiheit" nicht anknüpfen kann, aber die Tour war fast überall ausverkauft. Wie läuft es aus deiner Sicht?
Die Tour läuft super. Ich glaube, jeder andere hätte nach "Große Freiheit" erstmal ein Jazzalbum gemacht. Ich hab die Herausforderung angenommen und es wurde eines der wichtigsten Alben, weil ich da erstmal alles verarbeiten konnte, was in den letzten Jahren passiert ist.

Von Erfolg träumen ist was anderes als Erfolg haben?
Da kommen plötzlich Dinge auf dich zu, über die du dir nie Gedanken gemacht hast. Ich bin ja kein anderer geworden. Aber die Menschen behandeln dich anders.

Aber das befördert ihr doch. "Der Graf", das unbekannte Wesen . . .
. . . aber das hat ja alles seinen Grund, einfach, um mich abzuschirmen . . .

Auf der anderen Seite macht es ja unglaublich interessant. . .
Ich will doch bloß mein Privatleben da raushalten. Was hat denn meine Familie mit Unheilig zu tun?

Du hast mal gesagt: Wer dich kennenlernen will, der muss deine Texte hören.
Genau so ist das. Da steht so viel drin, mehr als ich manchem Freund erzähle.

Wenn ich ein Stück wie "Damian" höre: Das beschreibt ein astreines Trauma.
Es gibt Lieder von mir, die haben zwei Botschaften. Eine offensichtliche. Manche aber haben im Grunde eine ganz andere Bedeutung als die an der Oberfläche.

Wie viele deiner Hörer, glaubst du, verstehen das?
Das weiß ich nicht. Manche Leute saugen das auf. Irgendetwas daran berührt sie. Wie viele das in dem Sinne verstehen. . . vielleicht ist das auch egal. Entweder du nimmst etwas an und interpretierst es, oder du genießt es einfach.

Über diesen Erfolg ist viel spekuliert worden. Ein Mann, der früher ein verschlossener Einzelgänger war, der stottert, sich später mit Musik buchstäblich frei spielt, die Haare abrasiert und zum Star wird . . .
Ich mache Musik, damit ich mit dem Leben klar komme. Und mir ist bewusst, dass der Erfolg nicht ewig andauert.

Hast du davor Angst?
Nö. Bloß wenn ich kurz davor bin, abzutreten, dann will ich nicht fragen müssen, was wäre gewesen, wenn. Ich hab' 'ne Stimme in mir, die sagt: Mach Musik. Die gleiche Stimme sagt mir auch: Du hast noch genug vor dir. Und diese Stimme ist nicht leise.

So sehr, wie du dich als Musiker begreifst, nervt es da nicht umso mehr, wenn du in Interviews zum 30. Mal nach dem Stottern gefragt wirst? Um deine Musik geht es doch fast nie.
Nö. Aber ich red über alles gerne. Ich hab in meinem Leben so lange geschwiegen, da hab ich Nachholebedarf. Interviews sind ein bisschen, als ob du zum Psychologen gehst. Weil du über dich nachdenken musst. Bloß diese oberflächlichen Fragen sind so ermüdend: Wie heißt du oder warum erzählst du das und das nicht? Und manche Reporter sind auch sehr nervös, oder die machen das noch nicht so lange. Die Interviews sind dann anstrengend, aber ich mach die trotzdem, weil ich merke: Ich helfe gerade meinem Gegenüber.

Dein Publikum ist in jedem Falle ein Phänomen. Wenn Lahme plötzlich gehen könnten nach deinem Konzert - so richtig wundern würde man sich eigentlich nicht - (Graf lacht) oder Blinde sehend. (Graf lacht noch lauter. Ich warte).
Das ist gemein. Es gibt Leute, denen geht es besser, wenn sie meine Musik hören. Das ist für die wie eine Akkuladestation.

Das ist nicht das schlechteste, was man über Musik sagen kann.
Aber du bist sarkastisch. Sarkasmus entsteht aus einem Ungleichgewicht. Wenn jemand Emotionen nicht zulassen kann.

Ach, danke, ich komme eigentlich klar.
Siehst du, das meine ich. Im Innern finde ich die Musik super. Aber darf ich das zugeben?

Keinesfalls. Zu meinem ersten Unheilig-Konzert bin ich gegangen, um herauszufinden, warum so viele Leute sich so einen Mist anhören. Aber so einfach war es dann gar nicht, es doof zu finden.
Wenn jemand so sarkastisch ist, dann ist das das schönste Kompliment, das ich kriegen kann. Da will jemand drüber stehen und zieht eine Maske auf.

Aber das Duett mit Helene Fischer hab ich dir übel genommen.
Das ist das Gleiche wie damals die Einladung zu Carmen Nebel. Ich bin Musiker. Zehn Jahre hab ich mir den Popo aufgerissen, damit mich endlich jemand hört und dann sag ich da ab, weil es mir zu blöd ist? Freunde der Nacht, die Zeiten, in denen wir über Äußerlichkeiten urteilen, Menschen beurteilen, das muss doch vorbei sein.

Der Manager räuspert sich, die 30 Minuten sind längst um. Der Graf . . . sitzt. Und hat offenkundig Spaß. Der Mann ist eine Art Interviewmaschine. Tiefenentspannt, unerschütterlich freundlich. Er spult Antworten ab, die er hundertmal schon weggeplaudert hat. Und beinahe wäre es auch egal, was er da plaudert, weil man ihm einfach gerne zuhört. Gelingt es, ihn zu überraschen, wird der Blick ernster, an wunden Punkten wird das Stottern stärker.

Kann sein, dass es da beginnt, ihn zu interessieren. Jedenfalls würde er gerne länger sitzen bleiben, nur ist draußen die Vorband fast fertig.

Du hast keinerlei Scheu vor großen Gefühlen, vor gewaltigen Melodiebögen, vor fetten Klangwänden. Früher hätte man daraus große Oper gemacht. Zumal bei dieser Rieseninszenierung deiner Konzerte.
Aber ich tu ja eigentlich nicht viel, außer hin und her rennen.

Glaub ich nicht. Das ist durchinszeniert.
Nee. Das ist die pure Angst. Glaub mir das. Das Einzige, was inszeniert ist, das ist das Licht. Wenn ich wüsste, was ich jetzt tun muss, dann wär ich schon wieder viel zu beklommen.

Das nächste Unheilig-Projekt? Arbeitest du daran?
Ich weiß schon, wie es heißt. Aber das kann ich dir jetzt nicht erzählen. Ein Thema, das dazu gekommen ist, ist Krankheit. Ich war in vielen Hospizen seit "Große Freiheit", das ist nicht spurlos an mir vorbei gegangen. Die anderen Themen sind immer die gleichen: Freiheit, Liebe, Tod. Glaube, Hoffnung, Angst.

Nicht alleine sein.
Genau. Nicht alleine sein. Das ist das Leben.

Danke für dieses Gespräch.
Ich danke dir. Müssen wir jetzt echt aufhören?

Mit dem Grafen sprach

Sylvia Belka-Lorenz