Er würde gerne noch viel mehr Komödie machen, mit Gegenwartsautoren wie Roland Schimmelpfennig arbeiten oder, wäre er eine Frau, die Lady Macbeth spielen: Gert Voss hat nach Jahrzehnten intensiver Bühnenarbeit noch lange nicht genug vom Theater. Seine Neugier und Offenheit hat er genauso behalten wie die Wandelbarkeit, die seine Darstellungen auszeichnet. Ab diesem Montag spielt er den 70-Jährigen Gert Voss – im richtigen Leben.

„Ich will Geschichten erzählen“, sagt Voss. Viele unterschiedliche Geschichten hat er bisher erzählt, als Richard III. und König Lear, Othello und Nathan der Weise, Prospero und Macbeth. Kaum eine der großen Rollen der Theatergeschichte, der Gert Voss nicht schon seine charakteristische volle, leicht raue, eindringliche Stimme geliehen hätte. Und seinen Körper, den er jeder Rolle anpasst: Mal bewegt er sich, als Othello, geschmeidig wie eine Raubkatze über die Bühne, mal ist er, als König Lear, ganz in Schmerz aufgelöster alter Mann, oder, zuletzt in „Maß für Maߓ, ein nicht greifbarer, unberechenbarer Vincentino.

Doch sind seine Figuren nie nur gut oder böse. „Undurchsichtigkeit finde ich schöner“, sagt er. „Theater muss so sein, dass man es nicht auf den ersten Blick lesen kann.“ Insofern ist Voss auch skeptisch gegenüber der Ansicht vom Theater als moralischer Anstalt. Trotzdem hat er was übrig für Anliegen auf der Bühne – wenn die Form stimmt: „Ich habe Agitprop auch gern gesehen als Zuschauer, in einer ganz wilden, anarchischen Form.“ Und er hat oft Stellung bezogen. So gehörte er in der Truppe von Claus Peymann in den 70er-Jahren zu jenen gesellschaftskritischen Theaterleuten, die sich in die Debatte um die RAF-Terroristen in Stammheim einmischten. Mit Peymann wühlte er, als der Regisseur 1986 das Wiener Burgtheater übernahm, die österreichische Gesellschaft auf. Mit Peter Zadek wagte Voss 2001, das unter Antisemitismus-Verdacht stehende Marlowe-Drama „Der Jude von Malta“ auf die Burg-Bühne zu heben. In der Neuübersetzung von Elfriede Jelinek wurde es zum beachteten Erfolg.

Von Rolle zu Rolle, von Bühne zu Bühne: als „Theaterreise“ beschreibt Voss selbst in seiner Autobiografie mit dem Titel „Ich bin kein Papagei“ sein Leben.

Shooting-Star Lars Eidinger nennt Voss ein „Phänomen“, Tobias Moretti beschreibt ihn als einen „wundersamen Faun“, Burg-Kollege Peter Simonischek gratuliert einem „Ausnahme-Schauspieler“.