Was ist diese Ausstellung von 160 Fotografien aus einem vergangenen Land, aus der "Ostzeit" Deutschlands in einem Museum, das als Letztes in diesem gebeutelten Land DDR gegründet wurde und als eines der wenigen in Deutschland von Beginn an Fotografie als Sammlungsgegenstand besitzt?

Sind diese zwei weiträumigen Säle im heutigen Kunstmuseum Dieselkraftwerk ein Geschichtskabinett mit historischen Dokumenten?

Bieten sie eine Leistungsschau profilierter Fotografen der Fotoagentur "Ostkreuz" in ihren individuellen künstlerischen Handschriften? Ist es in den Fotografien eine Begegnung mit Menschen, die uns im Vergangenen dennoch so vertraut erscheinen? Alles trifft zu. Jedoch nicht das Einzelne, sondern alles zusammengenommen macht diese faszinierende Schau aus.

Ohne Nostalgie

Eines aber ist sie nicht: Sie ist kein nostalgischer Rückblick auf ein gescheitertes Land. Aber es ist auch keine, von Voreingenommenheit geprägte parteiische Sicht auf Land und Menschen. Aus der betont subjektiven Sicht der Fotografierenden und ihrer menschlichen Integrität ergibt sich ein prägnantes und diffizil hintergründiges Bild. Es sind Fotografien, die den Dialog mit dem Betrachter suchen, weil sie, entsprechend dem Credo der Fotografen, beobachten und nicht behaupten. Sie sind sorgsam aufgenommen. Sie haben ihren Standpunkt, sind aber nie tendenziös. Das macht sie für den Betrachter offen, sich kritisch auch mit sich selbst und seinen inneren Bildern von der Zeit auseinanderzusetzen. Es ist eine faire Ausstellung.

Sie setzt immer wieder auf das Bild der Jugend. Im großen Saal M 2 des ehemaligen Maschinenhauses beginnt es mit einer Serie furioser Aufnahmen von Fans und Fangruppen des Berliner Fußballclubs Union. Das ist keine Sportreportage. Das ist ein visionärer Vorgriff auf 1989, nur dass hier bei Werner Mahlers Aufnahmen von 198o das Aufbegehren in den Mauern der Staatsmacht viel aggressiver ist. Dieser freien Demonstration stehen im gleichen Raum die Bilder der Maidemonstration 1980 gegenüber, ein Querschnitt von jenen, die da mitzogen - gelassen, freundlich, skeptisch oder auch verschlossen. Das Foto mit Margot Honecker und Egon Krenz hätte in heutiger Zeit jeden Paparazzo neidisch werden lassen!

Im Plattenbau

Das gewöhnliche Leben im Land DDR dokumentieren Sibylle Bergemann und Werner Mahler. Sibylle Bergemann fotografierte immer die gleiche Raumsituation bei unterschiedlichen Familien in der Plattenbau-Serie P 2, jener Wohnraumecke an der Durchreiche zur Küche. Erstaunlich wie erfreulich ist es, welche Individualität im Wohnambiente jeder in diese standardisierte Raumsituation gebracht hat.

Lange bleibt man vor den Porträts ehemaliger Oranienburger Abiturienten von 1978 stehen, fotografiert von Werner Mahler im Abstand von jeweils fünf Jahren bis 2009. Das ist für den Besucher, der die Menschen sucht - auch und gerade über die Zeit des politischen Umbruchs hinweg -, ein Erlebnis.

Unbedingte Hochachtung klingt an, für Fotograf und Fotografierte. Das setzt sich fort im Obergeschoss mit den von Werner Mahler 1975 gemachten, ungeschminkten Aufnahmen von Bergmännern unter Tage.

Behutsam entlarvend und berührend zugleich, in ihrer Wahrheit jedoch nie diskriminierend zeigt Ute Mahler das Leben einer Dorfgemeinschaft voller Frohsinn im letztlich Trostlosen. Der Vorläufer dieser Serie sind 1972 entstandene Fotografien von Menschen, wie sie miteinander umgehen.

Das aber ist auch der Grundtenor jener Kultserie mit Sibylle Bergemanns Beobachtungen in "Clärchens Ballhaus", jenem Privatetablissement in Ostberlin, wo sich Ost und West auf der Suche nach ein wenig Glück und Zärtlichkeit trafen und dennoch nicht zueinanderkommen konnten.

Aus Sicht eines Schweizers

Dieses Motiv klingt variiert in der letzten Aufnahme der Ausstellung noch einmal an. Zwei umarmen sich in der Sylvesternacht `89, während ringsum man in den Alltag davonläuft. Abschied oder Ankunft im Abschied?

Der im Kreis der Ausstellenden jüngere Schweizer Fotograf Maurice Weiss kam einen Tag nach dem Mauerfall nach Berlin und fotografierte dort, wo die Hoffnung sich in Aktionen zeigt, einen eigenen Staat zu etablieren. Die Wege zum politischen Umbruch dokumentiert Harald Hauswald in vertraut gewordenen Aufnahmen. Man erinnert sich unwillkürlich der Bilder von den Fans des FC Union.

Wolfgang Kil, Vertrauter und Freund der ausstellenden Fotografinnen und Fotografen, schreibt über sie und die Fotografie in der DDR, dass sie erfüllt waren von einem "moralischen Ehrgeiz, von aufklärerischer Hoffnung und schwärmerischem Vertrauen in die Bilder".

Die Bilder sind "angehaltene Zeit", die man -"je länger der fragliche Lebensabschnitt zurückliegt" - vor "Missdeutung und Vorurteil in Schutz nehmen" muss. Nachzulesen in einem umfangreichen Text- und Bildband, mit dem man diese hoch zu lobende Ausstellung mit nach Hause nehmen kann.

Bis 8. Januar 2012, Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, am 31.Oktober ebenfalls von 10 bis 18 Uhr. Cottbus, Kunstmuseum Dieselkraftwerk, Uferstr./Am Amtsteich 15.