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| 17:39 Uhr

Konzert für alle Generationen
Wenn die Seele in Schwarzheide barfuß geht

Liedermacher Gerhard Schöne packt einen Koffer voller Geschichten aus.
Liedermacher Gerhard Schöne packt einen Koffer voller Geschichten aus. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche
Schwarzheide. Gerhard Schöne wärmt im Kulturhaus der BASF mehr als 330 Zuschauern das Herz und lässt sie an Wunder glauben. Von Ida Kretzschmar

Vier Generationen sind sich einig, was im Leben wirklich wichtig ist. Was für eine schöne Vorstellung! Am Donnerstagabend im Kulturhaus der BASF Schwarzheide wird sie wahr. Kinder, Eltern, Großeltern und sogar Urgroßeltern sitzen beieinander, applaudieren, lachen und singen mit diesem leisen Mutmacher, wie ihn eine Zuschauerin nennt. Mehr als 330 Menschen sind dabei, als Gerhard Schöne ankündigt: „Ich packe meinen Koffer“. Ein Kinderspiel, mit dem viele von ihnen groß geworden sind und wo sie beim Auspacken auf wunderbare, witzige und warmherzige Überraschungen hoffen können.

„Ich bin ein Gast auf Erden“ singt der Liedermacher, einer der beliebtesten und produktivsten im Osten Deutschlands, zur Begrüßung, ein altes Kirchenlied, das er ein wenig umgeschrieben hat, wie noch so manches an diesem Abend, und so in die Zeit holt. Im Grunde aber sind es zeitlose Fragen, die der sanfte Geschichtenerzähler hier aufwirft. Kinderfragen wie „Wo ist der unendliche Ozean? Wo ist Gott zu finden?“ Oder eher Erwachsenen-Fragen wie „Haben Sie schon einmal ein Schwein erschlagen oder lassen Sie das machen? Trauen Sie noch Ihrem eigenen Herzen oder trauen Sie Experten?“ Fragen um Kopf und Kragen, die er so aus dem Koffer zaubert, dass sie jeder versteht. Es ist, als säße man gemeinsam in der Küche, erinnert sich an verschiedene Zeiten, und eine Geschichte gibt der anderen die Klinke in die Hand.

Himmel und Hölle bringt Gerhard Schöne, der in einer evangelischen Pfarrersfamilie im sächsischen Coswig geboren wurde, in Bewegung. Und vom Suppenstein erzählt er wie von einem Stein, für den sich sein Vater im Alter begeisterte. Sternenstaub, Regenbogen, Meereswogen lassen sich darin finden.

Apropos Meereswogen. Da gibt es doch noch dieses Lied von dem kleinen Jungen, der von zu Hause wegläuft, um das Meer zu bezwingen. Dieses Meeresrauschen, dieser Wind, selbst Möwenschreie kommen aus dem Publikum, und dieser gemeinsame Ruf „Thomas!“ Der den Jungen wohl endgültig aus seinen Tagträumen in der Badewanne reißt. Auf die Kinderlieder haben nicht nur die Jüngsten hier besonders viel Lust. „Jule wäscht sich nie. Iiiiiiiiiiiiiii“, kommt es textsicher und leidenschaftlich aus den Reihen. Da wird Staub aufgewirbelt, Gott sei dank, und Eigensinn trainiert, fliegen Ausreden vom Himmel wie Sternschnuppen.

Mehr als 700 Lieder hat der 66-Jährige geschrieben, und da er selbst sechs Kinder hat, weiß er, wie man Groß und Klein Tränen in die Augen zaubert, die nicht vom Wind herrühren, der hier gemeinsam heraufbeschworen wird, sondern vom Lachen.

Gerhard Schöne erzählt auch von dem Engel, der die Träume macht. Und alle empfinden förmlich selbst an diesem Abend in Schwarzheide, wie die Seele barfuß geht und sich am Feuer wärmt, zumal der Sänger auch mit engelsgleichen Pfeiftönen nicht geizt.

Wer ihn hier hört, verliert das Staunen nicht, fasst Hoffnung, ist versucht, an Wunder zu glauben. Und da nicht alle seine Lieder in einen Koffer passen, gibt er noch ein paar Lieder aus dem Briefkasten dazu, die er als Abgesang auf das gute alte Briefeschreiben ersonnen hat. Darunter sind ein Geheimbrief für unerfahrene Schüler genauso wie Liebesbriefe von Gott. Schließlich noch ein Feldpostbrief, der von dem Wunder berichtet, als sich nach einem langen Stellungskrieg verfeindete Soldaten in den Armen liegen und vergessen, warum sie sich bekriegen.

Und dann gibt es noch zwei Zugaben aus Programmen, die gerade entstehen. Mehr als 60 internationale Schlaf- und Wiegenlieder hat er nachgedichtet. Hier erfahren die Zuschauer, wie es klingt, wenn Tiere im Bett landen. Zum Schluss dann noch „Das Gebet der Eintagsfliege“. Wer wenn nicht sie weiß von der Kostbarkeit des Lebens? „Jeder Grashalm eine Freude“, erinnert der leise Poet. Und die Zuschauer genießen die Begegnung, auf die viele lange gewartet haben: „Vielleicht wird’s nie wieder so schön...“