ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 15:56 Uhr

Super-Performance
Als schlüpfe sie in Mozarts Haut

 4. Philharmonisches Konzert - Antje Weithaas
4. Philharmonisches Konzert - Antje Weithaas FOTO: Tino Schulz
Cottbus. Geigerin Antje Weithaas brilliert beim 4. Philharmonischen Konzert am Staatstheater Cottbus. Von Irene Constantin

Das 4. Philharmonische – ein Konzert zu Ehren der Muse Erato. Zu ihren Attributen gehört ein Saiteninstrument; Violine und Viola waren die Soloinstrumente bei Mozart und Berlioz. Es dirigierte Donato Cabrera, ein weiterer Anwärter auf den Posten des Cottbuser GMD.

Das Konzert war schon nach der Papierform ein Grund, alles stehen und liegen zu lassen und ein Ticket zu erwerben. Angekündigt waren die wunderbare – und ja aus Guben stammende – Geigerin Antje Weithaas mit Mozarts 5. Violinkonzert A-Dur sowie Hector Berlioz mit dem Violinstück „Rêverie et Caprice“ und der sinfonischen Dichtung „Harold in Italien“. Und vom Komponisten der Uraufführung, Pierre Jalbert, konnte man ebenfalls ein dem Ohr wohlgefälliges Werk erwarten. Am Pult der gebürtige Kalifornier Donato Cabrera.

Jalberts „Les Espaces infinis“ („Die unendlichen Räume“) ist ein Streicherstück mit ein paar Holzbläserfarben, eine durch harmonische Reibungen gewürzte Meditation. Im Pianissimo beginnt das Orchester, steigert sich in kräftig raue Bereiche um dann, wie ein vorüberziehender Komet auf seiner Ellipsenbahn, wieder in der Unhörbarkeit zu verschwinden. Für Cabrera und das Orchester war es eine Übung im Leisespielen, fast unhörbar zu sein und trotzdem raumfüllend. Es gelang überraschend gut.

Eine Meisterin im Fach des solistischen Pianos und überhaupt aller Klänge, die man einer Violine nur entlocken kann, betrat sodann das Podium. Antje Weithaas ist Solistin und Kammermusikerin. In Mozarts A-Dur-Konzert vereinte sie die Tugenden beider Musizierweisen, herausragend sein und sich bewusst einfügen zu können. Sie trat mit dem Orchester in einen Dialog, was bei diesem, ganz auf das Soloinstrument zugeschnittenen Werk eine Kunst für sich ist. Es ist einfach (!) musikalische Intelligenz, die ihre Interpretation so sprechend, so unterhaltend machte. Den ersten Satz nannte Mozart „aperto“, „offen“, für die Solistin eine Einladung, den Beginn ganz frei als eine langsam sich aufspannende Einleitung zum folgenden munteren Spielwerk zu gestalten. Den zweiten Satz Adagio nahm sie wunderbar liedhaft, keinesfalls zerdehnt. Gerade diesen Satz hört man oft manieriert, fast romantisch; bei Antje Weithaas bleibt es klassische Musik des 18. Jahrhunderts. Eine Sensation für sich waren ihre virtuosen überraschend sich entfaltenden Kadenzen. Geradezu dahinschießende Musizierlaune bestimmte den letzten Satz. Ganz theatralisch gedacht, enthält er eine Opernszene, die man sich gut gesungen vorstellen könnte, eine blitzdurchzuckte Sturmszene und einen böhmischen Tanz, der sich gewaschen hat. Weithaas spielte, als schlüpfe sie in Mozarts Haut und hätte ihre diebische Freude daran, die Zuhörer mit den unerwartetsten Wendungen zu entzücken. Was die Geigerin, übrigens mittels eines modernen Instruments von 2001, so souverän und erfahren zu erzählen verstand, braucht einen geistig ebenso beweglichen Partner am Dirigentenpult. In der Person Donato Cabreras stand er zur Verfügung.

Den großen runden Ton konnte Antje Weithaas in ihrem zweiten Solostück entfalten, „Träumerei und Caprice“ von Hector Berlioz. Das Stück schildert die liebesleidzerrissene Seele eines romantischen Helden in ihren Aufschwüngen und Verzweiflungen – ein ergiebigeres Material gibt es nicht, wenn man auf der Violine gehörig schwelgen möchte. Antje Weithaas gab alles, aber immer noch hörte man ein Werk aus dem frühen 19. Jahrhundert. Bei aller Inbrunst keine Übertreibung. Schöner und feiner kann eine Geigerin nicht musizieren.

Im abschließenden Großwerk des Abends, „Harold in Italien“ kommt die Bratsche auf ihre Kosten. Hector Berlioz hat sie als individuelle Stimme seines Helden eingesetzt. Harold wandert durchs Gebirge und hängt seinen Gedanken nach. Dabei entfaltet die Viola eine innige Melodie, die sich als „idée fixe“ in unterschiedlichen Formen durch das viersätzige Werk zieht. Sebastian Marschik, Solobratscher des Philharmonischen Orchesters, gab Harold seine klangliche Gestalt. Streckenweise ist er ganz Solist, dann wieder umfängt das Orchester seine Stimme. Marschik musizierte immer im passenden Gestus, uneitel und trotzdem selbstbewusst. Wunderbar dunkel und rund, zuweilen auch sphärisch zart klang sein Spiel. Antje Gräupner saß ihm als Harfenistin solistisch zur Seite. Harold gerät in die Seelen- und Wetterstürme hoher Gebirgspässe und immer wieder muss sich der Bratschenklang durch das aufgeregte Orchester arbeiten. Im zweiten, schlicht choralartig gesungenen Satz sieht Harold im Tal Pilger vorbeiwandern, ein Hirtenständchen (Solooboe!) bietet sich sodann dar, bevor im letzten Satz die Räuber kommen und alles wild und aufgeregt zu Ende geht. Volle Dröhnung mit schwerem Blech im Orchester, dann Beifall für alle, nicht zuletzt für das atmend natürliche und dabei höchst kunstvolle Musizieren Donato Cabreras.