"Ich möchte bei den Zuhörern Genuss wecken, nicht nur ihr Gehör, sondern auch ihre Herzen ansprechen", sagt Cornelia Zink nach einer Probe. Belcanto, erklärt die Solistin aus dem Opernensemble des Cottbuser Staatstheaters, bedeute Gesang mit virtuoser Technik. Das Zurschaustellen ihrer stimmlichen Fähigkeiten diene jedoch nicht zur "Selbstbeweihräucherung". Es soll die in ihrer Rolle angelegten Gefühle zum Klingen bringen: Angst, Freude, Trauer, Glück.

Von diesen starken Emotionen gibt es in "Lucia di Lammermoor” mehr, als die Hauptfigur verkraften kann. Das Opernmeisterwerk des italienischen Komponisten Gaetano Donizetti aus dem Jahr 1835 erzählt, nach einem Roman von Walter Scott, die Geschichte einer verbotenen Liebe, ganz ähnlich dem "Romeo und Julia"-Stoff von Shakespeare: Zwei verfeindete Familien, zwei Liebende inmitten des Hasses, großes Drama. Lucia liebt Edgardo, wird aber von ihrem Bruder gezwungen, einen anderen zu heiraten. Während der Hochzeitsfeier ersticht sie ihren Bräutigam Arturo, verfällt dem Wahnsinn, fantasiert, sie heirate Edgardo. Bis zum tödlichen Ende.

Lucias fulminante "Wahnsinnsarie" ist ein Paradestück für Sopranistinnen, weltberühmte Operndiven wie Maria Callas, Joan Sutherland oder Anna Netrebko wurden wegen ihrer Interpretationen gefeiert.

"Ich wachse hinein"

Für Cornelia Zink ist die Rolle der Lucia ihre erste große Partie im Belcanto-Stil. "Ich bin dem Staatstheater, dem Intendanten Martin Schüler und dem Generalmusikdirektor Evan Christ, sehr dankbar, dass sie dieses Vertrauen in mich haben", sagt die Sopranistin. "Ich wachse jeden Tag mehr in diese Partie hinein, meine Stimme hat sich wahnsinnig entwickelt."

Ihr Können hat die aus Süddeutschland stammende Opernsängerin, die seit 2005 am Staatstheater tätig ist, allerdings schon in vielen Rollen in Cottbus bewiesen, zuletzt war sie unter anderem als Lisa Carew im Musical "Jekyll & Hyde" und als Gretel in Humperdincks Märchenoper "Hänsel und Gretel" zu erleben.

Auf die Inszenierung von "Lucia di Lammermoor" unter musikalischer Leitung von Evan Christ und in Regie von Hauke Tesch bereitet sich Cornelia Zink seit rund einem Jahr akribisch vor. Neben den Proben studierte sie Fachbücher, Partituren und Musikaufnahmen. "Ich musste mich mit der Freiheit, die ich in meiner Partie habe, vertraut machen", erzählt die Stimmartistin. Die Herausforderung des Belcanto liege in den Koloraturen: Das sind kleine Melodielinien, die von den Sängern nach eigenem Ermessen in die vorgegebene Komposition eingefügt werden - "wie zusätzliche Blumen in einem Blumengesteck", beschreibt Cornelia Zink.

Gefühle der Pubertierenden

Die Tonfolgen können auf ganz unterschiedliche Weise gesungen werden, zum Beispiel kurz und markant (Staccato) oder in gleitenden Übergängen (Glissando, Legato oder Portamento). Belcanto schwelgt in solchen musikalischen Techniken und in schwer zu erreichenden hohen Tönen. Das gilt vor allem für die Kadenzen - gesangliche Solopassagen als prunkvoller Abschluss eines Opernabschnittes. "Allerdings sollen die Koloraturen nicht überladen wirken, sondern zum Stil des Komponisten und den Emotionen der Figur passen", betont Cornelia Zink.

Ihre Rolle charakterisiert die Sängerin so: "Lucia erlebt die extremen Gefühle einer Pubertierenden mit Höhenflügen und Zusammenbrüchen. Als Frau ist sie in ihrer Zeit den Männern schutzlos ausgeliefert."

Die Zuschauer können gespannt sein: auf große Gefühle und kunstvollen Gesang.

"Lucia di Lammermoor", Oper von Gaetano Donizetti, semiszenische Aufführung in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln. Premiere: Staatstheater Cottbus, Großes Haus, 21. April, 19.30 Uhr. Weitere Termine: 2. Mai, 18. Mai, 24. Juni. Ticket-Telefon: 0355/78 24 24 24.

Zum Thema:
… wird meist mit "Schöngesang" übersetzt. Die Art des virtuosen Koloratur-Singens schien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geeignet, starke Leidenschaften des Menschen musikalisch auszudrücken. Die Opernkomponisten der Rossini-Bellini-Donizetti-Zeit schrieben dabei Melodien, in denen sie ganze Passagen bewusst "offen" ließen. Die stilsicheren Sänger sollten auf diese Weise mit individuellem Ausdruck und hoher Kunstfertigkeit ihre Partie bereichern und neu gestalten. Das Publikum ging nicht zuletzt in eine Aufführung, um die Gesangs-, Improvisations- und Interpretationskünste der Sänger und vor allem der Sängerinnen zu bewundern.