Von Dietrich Bretz

Noch ist das Chefdirigentenpult der Berliner Philharmoniker seit dem Abschied von Simon Rattle verwaist. Um so spannungsvoller gestalteten sich jetzt die Gastauftritte Kirill Petrenkos, der ab Sommer 2019 die Geschicke des Orchesters bestimmen wird.

1972 im sibirischen Omsk geboren, erhielt Petrenko seine Dirigentenausbildung in Wien, worauf er seine Laufbahn an der dortigen Volksoper startete. Die Jahre als Orchesterchef am Meininger Theater, danach die Dirigentenpositionen an Berlins Komischer Oper und an der Bayerischen Staatsoper begründeten sein internationales Ansehen.

Ehrensache für den Russen Petrenko war es, seinen Berliner Gast­abend mit einem signifikanten Werk der heimatlichen Orchesterliteratur, Peter Tschaikowskys 5. Sinfonie, zu krönen. Und der Auftakt des Abends mit Arnold Schönbergs Vio­linkonzert verdeutlichte Petrenkos Programmvorhaben, gleichfalls die Großmeister des 20. Jahrhunderts ins Blickfeld zu rücken.

Und dass für das Schönberg-Konzert die aus Moldawien stammende exzellente Geigerin Patricia Kopatchinskaja als Solistin gewonnen werden konnte, ließ den Abend vollends zu einem außergewöhnlichen Erlebnis werden. Gehört doch Schönbergs 1936 entstandenes Opus zu den signifikantesten Werken seiner zwölftönigen Schaffensphase. Ein Werk, das infolge seiner Konstruktion zumal vom Solisten ein enormes Maß an Einfühlungsvermögen in die musikalische Textur verlangt und auch heute noch eine Rarität im Konzertalltag ist. Faszinierend, mit welcher Souveränität Kopatchinskaja das Labyrinth der zwölftönigen Werkstruktur geradezu durchleuchtete.

War Petrenko schon beim Schönberg-Konzert auf Transparenz des Tonbildes bedacht, so vermied er bei Tschaikowskys 5. Sinfonie alles Pathetische, auch jede sentimentale Wehleidigkeit. Gleichwohl lotete er bezüglich Tempo und Dynamik äußerste Gegensätze aus.

Wobei er bei den Philharmonikern auf Musiker traf, die seine Klangvorstellungen präzis und sensibel umsetzten. Fesselnd, wie Petrenko mit den Musikern einen atemberaubenden Ausdrucksbogen spannte vom leidenschaftlich gesteigerten Kopfsatz über das von Sehnsucht erfüllte Andante und den lyrisch bestimmten Walzer des 3. Satzes bis hin zum hymnischen Finale.