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Gänsehaut vor dem großen Abflug

Jurij Koch.
Jurij Koch. FOTO: pr
Cottbus/Leipzig. Es ist schon eine kleine Tradition. Pünktlich zur Buchmesse hat der Lausitzer Schriftsteller Jurij Koch ein neues Kinderbuch fertig. Auch für "Helene hau ab!" schmückt es der Illustrator Thomas Leibe mit fantastischen Bildern. Ida Kretzschmar

Nicht nur die Fantasie bekommt hier Flügel. Auch Helene hat sie. Nur scheinen ihre Flügel etwas verkümmert. Sie hat sich daran gewöhnt, sie nicht zu benutzen, ist ein bisschen vorsichtig und träge geworden. So fallen ihre ersten Flugversuche regelrecht ins Wasser. Wer Helene denn ist? Nun, eigentlich gibt es zwei Helenen, verrät der Erzähler. Eine ist seine Cousine. Die andere eine Gans. Auf eine von beiden trifft der Ausdruck dumme Gans zu. Welche gemeint ist, da hüllt sich der Erzähler in Schweigen. Nur, seine Cousine spielt eigentlich keine wesentliche Rolle mehr in dem spannenden Buch. Darin geht es um nichts Geringeres als um das Überleben. Das Leben der Gans Helene nämlich ist bedroht. Auf Vaters Wunsch soll sie als Braten in der Pfanne enden. Der Sohn, aus dessen Perspektive Jurij Koch die Geschichte erzählt, rät ihr, das Weite zu suchen. Seine Bemühungen, ihr die vergessenen Flugfähigkeiten beizubringen, scheitern allerdings. Und so bekommen auch die Kinder, die diesen vergeblichen Abflug-Versuchen folgen, ordentlich Gänsehaut. Denn es herrscht Hochspannung in der Luft. Und so gerät die Gans bei ihrem Abstecher ins Paradies mit Max, dem Flieger, in gefährliche Abenteuer, die sich in dramatischen Zeichnungen widerspiegeln.

Der Zauberer Larifari versucht, sie aus dem Hut zu zaubern, was sie fast ihren langen Gänsehals kostet und nicht die versprochene Unantastbarkeit als freie Künstlerin bringt. Auch, dass sie in Gold getaucht vor dem Schlachtbeil sicher ist, entpuppt sich nur als ein märchenhafter Traum.

Ob sie am Ende vor lauter Freude schnattern kann, wird noch nicht verraten. Jedenfalls ist das Buch wieder wunderbar zum Schauen, Vorlesen und Lesen für Kinder ab fünf Jahren und ihre Familien geeignet.

Vor zwei Jahren waren es übrigens "Bauer Sauer und der Maulwurf Ulf", die miteinander im Zwist lagen. Im vergangenen Jahr legte sich Oma Kata-Marka mit Streithähnen an. Wie auch die Ausreißer-Gans Helene wurden sie im Lychatz-Verlag zum Leben erweckt. Und der Zeichner Thomas Leibe aus Halle gibt dabei Kochs eigensinnigen Gestalten noch seinen eigenen unverwechselbaren Federstrich hinzu, getaucht in Übermut und Humor. Inspirieren lässt sich der 78-jährige Schriftsteller Jurij Koch von seinen Enkeln, aber auch von seinen kleinen Lesern, nach denen er auch schon mal in der Schule Ausschau hält. Immerhin hat Koch schon zu DDR-Zeiten Kinderbücher geschrieben. Er schöpfte aus der sorbischen Sagen- und Märchenwelt, ersann Geschichten, die mehrere Generationen begleitet haben. Und manche von ihnen haben immer noch "Rosinen im Kopf".

Aber nicht nur bei den kleinen und großen Lesern zaubern seine poetischen und doch ziemlich frechen, ausgelassenen Kinderbücher, von denen auch einige in sorbischer Sprache zu lesen sind, eine Gänsehaut. Schon "Bauer Sauer und der Maulwurf Ulf" haben damit so manchen Preis ans Tageslicht befördert. "Oma Kata-Marka und die Streithähne" sind unter anderem mit der Auszeichnung "Lesepeter" bedacht worden, vergeben von der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Und Helene entpuppt sich ja schon jetzt als Überfliegerin. Falls sie nicht doch eine dumme Gans ist.

Jurij Koch, Thomas Leibe: Helene hau ab! Lychatz Verlag, 9,95 Euro