Der vielschichtige Film, der im nächsten Jahr den Oscar nach Deutschland holen soll, hat nicht die fast brutale Gefühlswucht des Berlinale-Gewinners "Gegen die Wand". Akin - mittlerweile 33 Jahre alt und Vater eines kleinen Sohnes - bewahrt die Ruhe. Seine neue Inszenierung besteht trotz großer Emotionen auf Gelassenheit und bewahrt Distanz.
"Erfolg ist eine wunderbare Sache, aber er hat mich auch unter Druck gesetzt", sagte der vielfach ausgezeichnete Regisseur in Cannes. "Ich wollte es mit dem zweiten Teil meiner ,Liebe, Tod und Teufel'-Trilogie besser machen - und anders."
Die Todesfälle - für die Opfer jeweils kurz und schmerzlos - sind für die anderen Charaktere des Films Anlass für sehr persönliche Reisen. Kunstvoll verwebt Akin verschiedene Schicksale miteinander. Ein türkischer Witwer und Rentner bittet die Bremer Hure Yeter darum, bei ihm zu leben. Bei einem Streit schlägt er sie, Yeter stürzt unglücklich und stirbt. Der Sohn des alten Mannes ist Professor der Germanistik und Goethe-Experte. Er will mit seinem Vater, dem "Mörder", nichts mehr zu tun haben. Aber er reist nach Istanbul, um die Tochter von Yeter zu suchen - und seinen Vater wiederzufinden.
Die türkische Tochter ist derweil auf der Flucht vor der türkischen Polizei in Deutschland gelandet und verliebt sich dort in eine Studentin. Ihr Asylantrag wird abgelehnt, sie wird zurück nach Istanbul deportiert. Die deutsche Studentin reist ihr nach, holt eine Waffe aus einem Versteck - und wird von Handtaschendieben versehentlich erschossen. Ihre trauernde Mutter (Hanna Schygulla) macht schließlich die letzte Reise "auf die andere Seite" in die Türkei. Sie rebelliert nicht gegen den Schicksalsschlag, sondern sucht nach dessen Sinn.
Akin verstrickt die Handlungsstränge zu einem komplexen Gebilde und verliert niemals den Überblick. Er verzichtet auf Action und Tränen in Nahaufnahme, sondern sucht die größere, fast philosophische Sicht. Das Wechseln der Seiten, der Kulturen und Lebensentwürfe steht bei ihm für einen Weg zu mehr Offenheit, zu Verständnis und Vergebung. "Ich will mich in der Trilogie mit wichtigen Fragen der Menschheit beschäftigen. Das interessiert mich einfach", sagt er.
Zum Ziel gebracht wird der Regisseur auch von einem hervorragenden deutsch-türkischen Darstellerensemble. Auf deutscher Seite ragt vor allem Hanna Schygulla mit ihrer fast schlafwandlerisch ruhigen Intensität heraus. "Fatihs Drehbuch war sehr ungewöhnlich für einen so jungen Mann", erzählt die 63-Jährige, die viele Filme von Rainer Werner Fassbinder geprägt hat. "Mir gefällt besonders, dass der Schmerz nicht in Bitterkeit endet, sondern in etwas Positives umgewandelt wird." Dieses Positive sieht Schygulla auch ganz konkret in der Entstehungsgeschichte von "Auf der anderen Seite": "Die Dreharbeiten waren wunderbar. Es ist so selten, dass Türken und Deutsche zusammen glücklich sind. Das passiert nur dann, wenn etwas Gutes dabei herauskommt."

(Deutschland 2007, FSK ab 12, von Fatih Akin, mit Baki Davrak, Nursel Köse, Hanna Schygulla, Nurgül Yesilcay, Patrycia Ziolkowska)