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"Für mich ist das ein Riesen-Glückstreffer"

Dirk Zöllner freut sich über tolle Songtexte.
Dirk Zöllner freut sich über tolle Songtexte. FOTO: pr
Musiker Dirk Zöllner spricht über sein Album mit Werner Karma-Songs, die Silly nicht wollte, er umso lieber. Am 17. Juni ist er in Guben.

Haben sich die Silly-Kollegen schon mit einer Plattenkritik bei Ihnen gemeldet?
Zöllner Nein, obwohl ich das durchaus als einen witzigen Zug empfunden hätte, wenn sie ein bisschen dran rumkritisiert hätten. Dazu muss man kurz die Vorgeschichte erzählen. 2016 wurde ich von einer Zeitung um eine Plattenkritik des Silly-Albums "Wutfänger" gebeten, wozu ich gern bereit war, weil ich die Band mag und mit den Jungs befreundet bin. Ich konnte es dann doch nicht, weil ich die Platte zu schlecht fand. Leider war ich so eitel, bei Facebook Anna Loos anzusprechen, warum sie nicht die von Werner Karma zugelieferten Texte wollte, und so auch ein bisschen die Silly-Qualität verraten habe. Das gab natürlich ein heftiges Pro und Kontra, und auch Anna Loos war sehr erbost.

Sie hatten geschrieben, dass Sie die CD vor Wut aus dem Autofenster geworfen haben.
Zöllner Stimmt, ich muss aber auch sagen, dass ich ein alter Silly-Fan bin - Tamara Danz ist sogar die Patentante meiner großen Tochter - und glaube, mir eine Meinung als Fan erlauben zu dürfen, auch eine ablehnende Meinung. Ich lehne ja nicht Anna Loos ab, sondern ich lehne es ab, dass ich von meiner Band nicht mehr das bekomme, was ich von ihr erwarte: geile Texte, nicht irgendwie geil, sondern für Erwachsene. Aber das Pech für Werner Karma, das seine Texte von Silly abgelehnt wurden, hat mich letztlich zu einem Glücklichen gemacht.

Wann schoss Ihnen der Gedanke durch denn Kopf, Werner Karma um die Texte zu bitten?
Zöllner Als ich ihn zufällig in einem Einkaufszentrum in Berlin-Grünau traf. Ich kenne ihn von früher, weil er sporadisch für mich Texte geschrieben hatte, die immer mal auf meine Platten kamen. Ich bin ein Fan von ihm und sah, wie blass er war aus Enttäuschung über die Ablehnung seiner Texte durch Silly. Meine erste Idee war, eine Best of nur mit Karma-Texten rauszubringen, weil die immer noch beziehungsweise wieder sehr aktuell sind durch ihren politischen Bezug. Das wollte Werner nicht. Ich sagte, okay, dann gib mir doch neues Zeug! Wollte er auch nicht, bis er mir nach hartnäckigem Drängeln sagt, gut, ich gebe dir jetzt 15 Texte, von denen 70 Prozent welche sind, die Silly nicht wollte. Ich fand die sofort toll, und es hat keinen Monat gedauert, bis alles vertont war. Für die Plattenproduktion haben wir über Crowdfunding Geld gesammelt, in kurzer Zeit kamen 25 000 Euro zusammen.

Hat sich die ganze Mühe gelohnt?
Zöllner Absolut. Ich sehe das Ganze als einen Glückstreffer. Ich freue mich für Werner, weil ich sehe, wie gut es ihm getan hat, dass sein Werk doch noch zur Veröffentlichung kam. Für mich ist es schön, dass aus einem eigentlich angedachten Nebenprojekt ein ausgesprochen erfolgreiches Projekt, live und im Plattenverkauf, geworden ist, das dieses Jahr für mich zu einer Hauptsache wurde. Es ist ja keine Rockmugge mit Bläsern, sondern eine Art gehobene Liedermachergeschichte, weil sie sehr auf die Texte baut. Fast wie ein unplugged-Konzert. Es läuft richtig gut.

Besteht das Konzertprogramm ausschließlich aus Karma-Songs?
Ja, außer den Songs vom aktuellen Album spielen wir auch Songs, die er für die Zöllner auch schon vorher in den letzten 20 Jahren geschrieben hat.

Warum ist Karma für Sie einer der herausragendsten deutschen Songtextdichter?
Zöllner Weil er gleichzeitig Philosoph ist und in seinen Themen immer in die Tiefe geht. Weil er Bilder schafft und in Worte kleidet, die man eigentlich nur von der Emotion her deuten kann. Dazu gehört unheimlich viel Kraft, denn es sind oft Bereiche, wo Menschen nicht mehr hindenken wollen, weil es wehtut oder peinlich ist. Er beherrscht gleichermaßen das Handwerk des Textdichters und des Philosophen unglaublich gut, ohne bei aktuellen Themen mit dem Holzhammer zu agieren. Nicht so ein simples Gut-Böse-Zeug wie von Xavier Naidoo.

Wie bewerten Sie die Aufregung um Naidoos umstrittenen "Marionetten"-Songtext?
Zöllner Ich finde es albern, dass man so über diesen Sänger herfällt. Er ist kein Politiker, sondern Künstler und vor allem ein reiner Bauchtyp, der es fließen lässt, ich kenne ihn persönlich. Wegen seines Erfolges ist er verdreht und vielleicht beschäftigt er sich, weil er satt ist, mit den Problemen anderer. In einer Demokratie ist es legitim, auch mit schlichten Worten darauf aufmerksam zu machen, wenn manche Leute in der Gesellschaft keine Entsprechung mehr finden.

Mit Dirk Zöllner

sprach Gunnar Leue

Live Dirk & das Glück - Zöllner trifft Karma, am 17. Juni in Guben "Am Wasserwerk".